Herzinfarkt: Verursacht Cannabis Herzinfarkte?

Fachwörter:

  • Angina = Brustenge bei koronarer Herzkrankheit
  • Belastungszeit = Zeit in einem Belastungstest für die Herzfunktion
  • Betablocker = Medikamente, die zur Behandlung des Bluthochdrucks und von Herzerkrankungen verwendet werden
  • CRP (C-reaktives Protein) = ein Indikator für die Stärke von Entzündungen
  • koronar = die Herzkranzgefäße betreffend
  • koronare Herzkrankheit = Verengung der Herzkranzgefäße - Epidemiologische Längsschnittstudien = Studien, die eine bestimmte Gruppe von Menschen (oft mehrere Hundert oder Tausende) über eine lange Zeit begleiten, um Unterschiede zwischen verschiedenen Untergruppen zu ermitteln, beispielsweise in Abhängigkeit von der Lebensweise und Gewohnheiten
  • Myokard = Herzmuskel
  • myokardial = auf den Herzmuskel bezogen
  • Myokardinfarkt = Herzinfarkt
  • Trigger = Auslöser

Murray A. Mittleman und Kollegen

Wir befragten 3882 Patienten (1258 Frauen) mit akutem Myokardinfarkt durchschnittlich 4 Tage nach dem Infarktbeginn. (...) Von den 3882 Patienten gaben 124 (3,2 %) an, im letzten Jahr Marihuana geraucht zu haben, 37 innerhalb von 24 Stunden und 9 innerhalb einer Stunde vor den Herzinfarktsymptomen. (...) Das Risiko eines Myokardinfarkt-Beginns war in den 60 Minuten nach dem Marihuanakonsum um das 4.8-fache über dem Basisniveau erhöht (95 % Konfidenzintervall: 2,4 bis 9,5). Das erhöhte Risiko nahm danach schnell wieder ab. Schlussfolgerung: Das Rauchen von Marihuana ist ein seltener Trigger eines akuten Myokardinfarkts.
Mittleman MA, Lewis RA, Maclure M, Sherwood JB, Muller JE. Triggering Myocardial Infarction by Marijuana. Circulation 2001;103(23):2805-2809.

Lindesmith Center (USA)

Eine Analyse der Forschungsmethoden, die [in der Studie von Mittleman und Kollegen] verwendet wurden, legt die auffälligen Fehler offen. Die Kollektivgröße ist statistisch bedeutungslos, es wurde keine ursächliche Beziehung hergestellt, und die Studie selbst wurde nie wiederholt. (...)
Von den 3.882 Patienten mit Herzinfarkten, waren 124 aktuelle Marihuanakonsumenten, und 9 hatten innerhalb einer Stunde nach ihrem Herzinfarkt geraucht. Basierend auf diesem sehr kleinen, selbst-selektierten Kollektiv, folgert Dr. Mittleman, dass das Risiko eines Herzinfarkts nach dem Rauchen von Marihuana um das 4,8-Fache erhöht sei. Bereits die Größe der Untersuchungsgruppe macht die Ergebnisse bedeutungslos. Angenommen Dr. Mittelmans Schlussfolgerungen sind richtig, so wirft die Tatsache, dass das Herzinfarktrisiko für einen sonst gesunden 50-Jährigen etwa 10 zu 1 Millionen beträgt, ein bezeichnendes Licht auf die Sensationalismus der weit verbreiteten Publicity, den die Studie erhält.
Lindesmith Newsletter. Junk Science Makes Headlines. Questionable Study Links Marijuana Smoking and Heart Attacks. June 15, 2001.

L.A. Gottschalk and colleagues

Angesichts der bestehenden Befunde, dass Marihuanarauchen die myokadiale Sauerstoffversorgung verringert, die Belastungszeit bis zum Beginn der Angina-Schmerzen reduziert und den Sauerstoffbedarf des Myokards bei anginösen Patienten vergrößert, ist Marihuanakonsum bei solchen Patienten eindeutig nicht ratsam.
Mehr dazu in:
Russo EB. Cannabis for migraine treatment: The once and future prescription? An historical and scientific review. Pain 1998;76(1):3-8.
Russo EB. Hemp for headache: An in-depth historical and scientific review of cannabis in migraine treatment. J Cannabis Ther 2001;1(2):21-92.
Russo EB. Migräne: In: Grotenhermen F, Hrsg. Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential. Huber, Bern 2001.

Franjo Grotenhermen

Der Gesamteffekt des Cannabiskonsums auf die Herzinfarkthäufigkeit ist unbekannt. Sie kann nur in epidemiologischen Längsschnittsstudien ermittelt werden. Es gibt einige Studien und Fallberichte, die die Annahme unterstützen, dass Cannabiskonsum schädlich für Menschen mit koronarer Herzkrankheit sein kann und Herzinfarkte auslöst. Dies ist allerdings offenbar ein sehr seltenes Ereignis. Cannabis verursacht keinen Herzinfarkt bei einem Gesunden.
Es gibt einige pharmakologische Eigenschaften von Cannabis, die vorbeugend wirken können, und einige, die schädlich sein können.
Faktoren, die schädlich sein können:

  • Die Abnahme der Sauerstoffversorgung des Herzens (nur, wenn Cannabis geraucht wird), wegen der Produktion von Kohlenmonoxid.
  • Die Zunahme der Herzfrequenz von im Durchschnitt etwa 45 % in der ersten Stunde nach dem Rauchen. Daher kann eine normale Herzfrequenz von 70 auf etwa 100 zunehmen. Dies vergrößert die Arbeit und den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels.
  • Veränderungen des Blutdrucks. Cannabis kann eine Blutdruckerhöhung verursachen, wenn die Person liegt, und eine Abnahme, wenn sie aufsteht.
  • Faktoren, die präventiv sein könnten:
  • Wenn die Brustenge auf einer spastischen Zusammenziehung der Koronargefäße beruht, kann Cannabis den Spasmus lösen.
  • Cannabinoide reduzieren die Zusammenballung der Blutplättchen und können daher die Neigung des Blutes, Klumpen zu bilden, reduzieren.
  • Cannabinoide wirken entzündungshemmend. Entzündung, gemessen als Spiegel von CRP, ist mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko verbunden.

Bei Vorliegen einer koronaren Herzkrankheit kann das Herzinfarktrisiko durch Cannabiskonsum so groß sein wie beim Spazierengehen oder durch Sex. Wenn Sie also Brustschmerzen beim Spazierengehen verspüren, oder wenn Sie wissen, dass Sie an einer schweren koronaren Herzerkrankung leiden, dann sollten Sie besser kein Cannabis nehmen oder nur in niedrigen Dosen, die nicht zu einer relevanten Zunahme der Herzfrequenz führen. Diese niedrigen Dosen sind oft ausreichend hoch, um eine therapeutische Wirksamkeit zu entfalten. Sie können Ihre Herzfrequenz selbst messen und so herausfinden, wie sie sich in Reaktion auf Cannabis verändert. Im Falle einer versehentlichen Überdosierung kann der Zunahme der Herzfrequenz durch Einnahme eines Betablockers vorgebeugt werden