Cannabis gegen Nervenschmerzen

Die Schmerztherapie zählt heute zum wichtigsten Einsatzgebiet von THC und Cannabis. Sie sind auch bei einigen Schmerzarten wirksam, die mit anderen Medikamenten oft nur schwer behandelbar sind. Hierzu zählen neben Migräne vor allem so genannte neuropathische Schmerzen oder Nervenschmerzen, die auf einer Schädigung des Nervensystems beruhen.

Die Entstehung von Schmerzen ist ein komplexer Vorgang und sie haben unterschiedliche Ursachen. Dies ist der Grund, warum Cannabisprodukte bei einigen Schmerzformen wirksamer sind, als bei anderen. Aus dem 19. Jahrhundert liegen viele positive ärztliche Berichte vor, nach denen Cannabis bei Migräne, Menstruationsschmerzen und bei verschiedenen Nervenschmerzen erfolgreich eingesetzt wurde. Mehrere klinische Untersuchungen aus jüngerer Zeit geben nun erneut deutliche Hinweise, dass Cannabis und THC bei Nervenschmerzen, wie sie beispielsweise bei der multiplen Sklerose vorkommen, gute Dienste leisten können. Erst kürzlich wurde eine weitere Studie veröffentlicht, bei der das Rauchen von Cannabis Nervenschmerzen von Patienten mit einer HIV-Infektion linderte.

Entstehung neuropathischer Schmerzen

Fotolia_8298828_Subscription_XXLSchmerzen haben viele Ursachen und viele Schmerzerkrankungen sind auch heute noch nicht gänzlich verstanden. Schmerzen, die man beispielsweise bei einer Schnittwunde, bei Prellungen oder auch Entzündungen verspürt, werden an der Stelle der Verletzung vom Körper wahrgenommen und als Schmerzreiz über Nervenbahnen zunächst zum Rückenmark und dann an das Gehirn weitergeleitet. Bei neuropathischen Schmerzen hingegen ist dieses schmerzleitende System selbst gestört oder geschädigt. Dies kann durch eine Durchtrennung oder Quetschung von Nervenbahnen, aber auch durch Stoffwechselerkrankungen oder Virusinfektionen verursacht werden. Ein typisches Beispiel für Schmerzen dieser Art sind Phantomschmerzen, die nach Amputationen eines Körperteils auftreten können. Dabei wird ein Schmerz in dem nicht mehr vorhandenen Arm oder Bein verspürt. Darüber hinaus treten Nervenschmerzen häufig auch bei Patienten mit Diabetes, Krebs, HIV und Krankheiten des zentralen Nervensystems wie multiple Sklerose auf. Die Patienten leiden unter plötzlich einschießenden, meist sehr starken Schmerzen, die schnell chronisch werden. Die Behandlung von neuropathischen Schmerzen ist schwierig, da sie oft nur schlecht auf die normalerweise stärksten Schmerzmittel, wie vor allem Opiate (z.B. Morphium), ansprechen.

Wirkungen von Cannabis bei neuropathischen Schmerzen

Die Wirksamkeit von Cannabis und THC wurde in der jüngeren Zeit bei verschiedenen Erkrankungen, die mit neuropathischen Schmerzen einhergehen können, untersucht, bei der HIV-Infektion, multiple Sklerose, unfallbedingten Nervenschmerzen und Fibromyalgie ("Weichteilrheuma").

HIV-Infektion

Eine Vielzahl von HIV-Patienten leidet unter Nervenschmerzen, die sowohl durch die HIV-Infektion selbst, als auch durch die Medikamente zur Behandlung der Infektion hervorgerufen werden können. Meist handelt es sich dabei um brennende, stechende Schmerzen. Viele Betroffene klagen gleichzeitig über Schmerzen und Taubheit in den Beinen. Weit verbreitet ist auch eine Überempfindlichkeit mit einem Schmerzgefühl bereits durch leichte Berührung oder bei geringer Wärmeeinwirkung.

Eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Untersuchung, die am allgemeinen Krankenhaus von San Francisco durchgeführt worden war, wies nach, dass gerauchter Cannabis diese Nervenschmerzen von HIV-Patienten deutlich lindern kann. Insgesamt hatten 50 Patienten, die alle Erfahrungen mit dem Konsum von Cannabis hatten, an der Studie teilgenommen. Zu Beginn der Untersuchung wurden zufällig zwei Gruppen gebildet. Patienten der einen Gruppe rauchten 5 Tage lang dreimal täglich eine Cannabiszigarette mit einem THC-Gehalt von ungefähr 3,5 Prozent, während die Patienten der anderen Gruppe optisch und geschmacklich identische Placebozigaretten, die allerdings kein THC enthielten, rauchten. 31 Patienten verwendeten vor Beginn der Studie andere Schmerzmedikamente, darunter beispielsweise Opiate und nahmen diese auch während der Untersuchung weiterhin ein. Das Rauchen von Cannabis verminderte die Schmerzen um durchschnittlich 34 Prozent, verglichen mit 17 Prozent nach dem Rauchen von wirkstofffreien Zigaretten. Eine mehr als 30-prozentige Abnahme der Schmerzen wurde von 52 Prozent der Patienten in der Cannabisgruppe und von 24 Prozent in der Placebogruppe angegeben. Insgesamt wurde Cannabis von den Teilnehmern gut vertragen. Auch wenn Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Angst und Schwindel in der Cannabisgruppe häufiger waren, so litt keiner unter ernsthaften unerwünschten Wirkungen und kein Patient beendete die Studie aufgrund der Nebenwirkungen.

Multiple Sklerose

Fotolia_1331124_Subscription_XLBei der multiplen Sklerose (MS) treten unterschiedliche Schmerzarten auf. Etwa ein Drittel der Patienten leidet unter anderem auch unter Nervenschmerzen, vor allem im Bereich der Arme und Beine.

Anfang dieses Jahres wurde ein Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, in dem kanadische Wissenschaftler die Ergebnisse der relevantesten Untersuchungen der letzten Jahre zur Wirksamkeit von Cannabisprodukten bei Nervenschmerzen zusammen ausgewertet haben. Die Mehrzahl der herangezogenen Untersuchungen befasste sich mit Schmerzen bei Multiple-Sklerose-Patienten. Eine dieser Studien wurde in Dänemark durchgeführt und im Jahre 2003 veröffentlicht. Dabei hatten 24 MS-Patienten mit einer dreiwöchigen Unterbrechung je drei Wochen lang THC und drei Wochen lang ein Placebo eingenommen. Dabei war den Teilnehmer nicht bekannt, ob sie zuerst THC oder zuerst das Scheinmedikament erhielten. Die maximale THC-Dosis betrug 10 Milligramm pro Tag. Die Stärke der Schmerzen wurde auf einer Punkteskala zwischen 0 (keine Schmerzen) und 10 (starke Schmerzen) angegeben. Die Schmerzen wurden durch THC durchschnittlich um 2,5 Punkte stärker reduziert als während der Einnahme des Placebos. Zudem führte die Einnahme von THC zu einer Verbesserung des psychischen Befindens der Teilnehmer. In der ersten Behandlungswoche verursachte THC wesentlich häufiger Nebenwirkungen als das Scheinmedikament. In den beiden darauf folgenden Wochen war dieser Unterschied jedoch nicht mehr signifikant. In einer anderen Studie aus Großbritannien mit 66 MS-Patienten, die an durch eine Schädigung des Gehirns bedingten Schmerzen litten, wurde die Wirksamkeit eines Cannabisextraktes untersucht. Die Patienten steigerten ihre Dosis je nach Verträglichkeit. Nach vierwöchiger Therapie war die Schmerzintensität in der Cannabisgruppe signifikant reduziert. Zudem verbesserte sich der Schlaf.

Ähnliche Ergebnisse wurden auch in den anderen Untersuchungen mit THC und Cannabis, die von den kanadischen Wissenschaftlern ausgewertet wurden, erzielt. THC ist allerdings bisher in keinem Land der Welt zur Behandlung von Schmerzen zugelassen, aber der Cannabisextrakt Sativex wurde im Jahre 2005 in Kanada zur Behandlung von Nervenschmerzen bei erwachsenen Patienten mit multipler Sklerose zugelassen.

Andere Erkrankungen

Fotolia_28834898_Subscription_XXLAuch bei anderen Erkrankungen, die mit Nervenschmerzen einhergehen, konnte in der Vergangenheit eine schmerzlindernde Wirkung von Cannabisprodukten gezeigt werden, beispielsweise bei Patienten mit einer Durchtrennung des Nervengeflechts, das Arm und Schulter versorgt (Brachialplexus). Diese Verletzungen können bei Sport- und Motorradunfällen auftreten und führen zu einer vollständigen Lähmung der Armmuskeln und zu einem vollständigen Ausfall der Sensibilität. Zudem verspüren die Patienten in dem betroffenen Arm einen drückenden und brennenden Schmerz, der häufig über viele Jahre bestehen bleibt. In einer Studie, an der 48 Patienten mit solchen Verletzungen teilgenommen hatten, führte die Einnahme von Cannabisprodukten zu einer deutlichen Abnahme der Schmerzen. Während der Studie nahmen die Patienten THC, einen Cannabisextrakt oder ein Placebo ein. Der Ausgangswert der Stärke der Schmerzen, die auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben wurde, lag vor Beginn der Untersuchung bei durchschnittlich 60,9. Die Schmerzen verringerten sich durch die Einnahme von THC im Mittel auf 43,6, bei Einnahme des Cannabisextraktes auf 45,1 und nach der Einnahme des Placebos auf 52,9 Punkte. Diese Schmerzlinderung mag gering erscheinen. Wer allerdings an chronischen Schmerzen leidet, ist auch für eine geringe Linderung dankbar.

Zudem gibt es einige Hinweise, nach denen Cannabisprodukte schmerzhafte Missempfindungen nach leichten Berührungen bzw. Wärme- oder Kältereizen, so genannte Allodynien, lindern können. Dies könnte möglicherweise zur Behandlung von Allodynien, wie sie häufig im Rahmen einer Zuckerkrankheit auftreten, hilfreich sein. In Deutschland wurde im vergangenen Jahr eine kleine Studie veröffentlicht, die erste positive Befunde bei einer anderen Erkrankung, der Fibromyalgie, zeigte. Typisch für Fibromyalgien sind starke Muskel- und Sehnenschmerzen, die oft chronisch werden. Außerdem treten im Rahmen dieser Erkrankung häufig Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Depression und andere Krankheitsbilder auf. An der betreffenden Untersuchung hatten neun Patienten, die alle an einer Fibromyalgie litten, teilgenommen. Vier Patienten vertrugen die maximale Dosis von täglich 15 Milligramm THC und erlebten alle eine Schmerzlinderung von mehr als 50 Prozent. Auf einer Skala von 0 (= schmerzfrei) bis 10 (= maximal vorstellbarer Schmerz) verminderte sich die Schmerzintensität von durchschnittlich 8,1 auf 2,8.

Relevanz von Cannabisprodukten bei der Behandlung von Nervenschmerzen

Fotolia_19699383_Subscription_XLWie die hier vorgestellten Untersuchungen zeigen, können Cannabisprodukte verschiedenartige Nervenschmerzen lindern. Dies lässt vermuten, dass Cannabis auch bei anderen Erkrankungen, die mit Nervenschmerzen einhergehen, gute Dienste leisten könnte. Da Nervenschmerzen oft nur schwer mit Opiaten und anderen Schmerzmitteln behandelbar sind, könnten Cannabisprodukte bei einer Anzahl von Patienten eine therapeutische Lücke schließen. Darüber hinaus erstreckt sich ihre Wirkung in vielen Fällen nicht nur auf ein Symptom einer Erkrankung. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Cannabis nicht nur die Schmerzen, die mit einer Multiple-Sklerose-Erkrankung einhergehen, sondern auch die damit verbundene Spastik, Blasenprobleme und die Schlafqualität verbessern kann. Laut einer Gruppe von Schmerzspezialisten, die im vergangenen Jahr von der Online-Forschungsplattform MedPanel eingeladen worden waren, um die Herausforderungen und die Zukunft der Behandlung neuropathischer Schmerzen zu diskutieren, stellen Cannabisprodukte den bedeutendsten Ansatz für eine Behandlung dieser Schmerzen dar. Nach dem Treffen fasste der Sprecher von MedPanel das Ergebnis des Treffens wie folgt zusammen: "Während des Gipfels baten wir die Gruppe, Daten hinsichtlich verschiedener neuer medikamentöser Behandlungsformen und Klassen von in der Forschung befindlicher Substanzen zu beurteilen, und als Schlussfolgerung des Treffens sagten sie uns, dass das Potenzial von Cannabinoiden für einen starken schmerzlindernden Effekt, ihre breite Wirkung auf das zentrale Nervensystem, ihre geringen Nebenwirkungen und die Möglichkeit ihres Einsatzes in Kombination mit verschiedenen anderen Behandlungsformen für sie interessanter sei als verschiedene andere Forschungsansätze". Er fügte dem hinzu: "Es scheint allerdings so zu sein, dass ein ungünstiges soziopolitisches Klima die Genehmigung potenziell wertvoller Behandlungen für Millionen von Menschen, die an neuropathischen Schmerzen leiden, verzögern oder verhindern könnte".

Von: Dr. med. Franjo Grotenhermen, Dr. rer. nat. Britta Reckendrees
Quelle: grow.de