Presseschau: Warum Cannabis ein fragwürdiges Medikament ist (BR24)

In den USA wird die Verwendung von Cannabis als eine Möglichkeit zur Bewältigung der Opioid-Krise mit tausenden von Toten betrachtet. Die Verwendung von Opiaten geht in US-Staaten mit einem legalen Zugang zu Cannabis zurück. Das ist auch intuitiv nachvollziehbar: Ein Schmerzpatient, der gut von Cannabis profitiert, benötigt keine oder weniger Opiate. Wenn ein bekannter Schmerzmediziner mit Verweis auf diese US-amerikanische Opioid-Krise nun auf die Idee kommt, dass Cannabis ein zusätzliches Problem zu Opiaten verursachen könnte, so ist das eine eher abenteuerliche Behauptung auf der Basis einer doch recht simplifizierten Gefahrenarithmetik.

Warum Cannabis ein fragwürdiges Medikament ist

Der Schmerzpatient Michael Autrum leidet seit Jahren unter ständigen Schmerzen. Er hat mehrere Herzoperationen und viele Eingriffe am Rücken hinter sich, war zwischenzeitlich querschnittgelähmt, wollte sich das Leben nehmen.

Mit Cannabis lässt sich Schmerz leichter ertragen
"Und jetzt: Ich lebe wieder", sagt Autrum heute. Und das dank einer Pflanze, die als Droge gilt: Cannabis. Die Schmerzen sind zwar noch da, mit Cannabisblüten als Medikament kann Michael Autrum sie aber akzeptieren.

Weil Michael Autrum kein Einzelfall ist, hat der Gesetzgeber 2017 nach einer von 80 000 Menschen unterzeichneten Petition, Cannabisblüten, sowie Extrakte und Öle aus der Pflanze als verschreibungsfähiges Medikament zugelassen. Die Kosten der Therapien können seitdem von den gesetzlichen Kassen ersetzt werden.

Mediziner: Wirkung von Cannabis wird überschätzt
Ärzte wie Dominik Irnich begrüßen den Schritt grundsätzlich. Als Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München warnt er aber davor, die Wirkung von Cannabis zu überschätzen. Es helfe nicht jedem Patienten und chronischer Schmerz lasse sich auch nicht einfach abstellen.

Dazu kommt: Von den vielen Studien, über den Einsatz von Cannabis in der Medizin genügen laut Irnich die wenigsten wissenschaftlichen Standards. Und die Studien, die fundiert sind, lassen erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit von Cannabis als Schmerzmedikament aufkommen.

Schmerzmediziner: Erfolge werden schöngeredet
Damit widerspricht Irnich Berichten, Erfolge wie der von Michael Autrum, könnten die Regel werden, wenn alle Ärzte endlich ihre Vorbehalte gegen Cannabis ablegen würden. "Hier werden die Ergebnisse ein bisschen schöngeredet, weil eine ganze Armada von Herstellern schon bereitsteht. Also da geht es um Milliarden." Dominik Irnich, Schmerzmediziner LMU München

Cannabis gilt für einem Teil der Pharma- und Wellnesswirtschaft weltweit als großer Hoffnungsträger. 
Milliardengeschäft: Liberalisierung heizt Nachfrage an

Schon mit der derzeitigen Liberalisierung des Betäubungsmittelgesetzes hat sich die Nachfrage nach medizinischen Hanfprodukten in Deutschland vervielfacht. Der Markt allein für verschreibungspflichtige Hanf-Produkte wird auf drei Milliarden EURo und mehr geschätzt.

Hersteller erhoffen sich aber auch einen Boom für Produkte, die frei verkauft werden können. Die Palette reicht von Wellnessartikeln über Tee und Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu Gartenartikeln für den heimischen Anbau.

Cannabis könnte Suchtprobleme verschärfen
Angesichts der Suchtprobleme mit herkömmlichen Schmerzmitteln können Ärzte wie Dr. Irnich über den Boom nur den Kopf schütteln. "Wir haben mittlerweile in den USA über 30.000 Tote im Jahr, die nicht aus besonderem Milieu kommen, das sind normale Menschen, die starke Opiate nehmen."

Ähnliche Zustände befürchtet der Schmerzmediziner in Zukunft auch in Deutschland. Kein Wunder, dass ihm nicht wohl ist angesichts dem derart mächtigen Lobbyismus für mehr Freizügigkeit bei Cannabis.