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ACM-Mitteilungen vom 23. März 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Am 20. März 2019, auch bekannt als Weltglückstag und in diesem Jahr auch Frühlingsbeginn, fand im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags eine öffentliche Anhörung zu vier Gesetzentwürfen der Fraktionen Die Linke, Bündnis 90/die GRÜNEN, FDP und AFD statt. Die eingeladenen Verbände und Einzelsachverständige hatten zum Teil vorher schriftliche Stellungnahmen zu den Anträgen eingereicht.

Entsprechend der Fraktionsstärke hatten zunächst die Vertreter der CDU/CSU-Fraktion die Möglichkeit, die Sachverständigen und Vertreter der Verbände 31 Minuten zu befragen. Dann folgte die SPD mit 19 Minuten, danach die AFD, FDP, die Linke und abschließend die Fraktion Bündnis 90/die GRÜNEN mit 9 Minuten Fragezeit. Interessant wurde die Anhörung ab etwa Minute 34 mit den Fragen der SPD-Fraktion. Die vollständige Anhörung kann in der Mediathek des Deutschen Bundestags angeschaut werden. Es wurde deutlich, dass sich die AFD für eine rückwärtsgewandte Politik bei der medizinischen Verwendung von Cannabis einsetzt, während sich SPD, FDP, Linke und Grüne für Verbesserungen stark machen.

Ob sich das CDU-geführte Ministerium für Gesundheit über die bereits in einem Referentenentwurf vorgeschlagenen Verbesserungen zu weiteren Erleichterungen durchringen wird, kann bisher nicht abgeschätzt werden. Viele Sachverständige und Verbandsvertreter, darunter Dr. Eva Milz, Dr. Knud Gastmeier, Professorin Dr. Kirsten Müller-Vahl, Georg Wurth und Thomas Isenberg haben deutlich gemacht, dass Verbesserungen notwendig sind, um sicherzustellen, dass Patientinnen und Patienten, die cannabisbasierte Medikamente aus medizinischen Gründen benötigen, diese auch erhalten. Uns ist aber klar, dass Argumente allein nicht ausreichen. Ich hatte dazu vor 15 Jahren in einem Einladungskommentar für die Fachzeitschrift Lancet die Frage aufgeworfen, wie man den durch Cannabis induzierten psychologischen Stress – das CIPS-Syndrom – bei Politikern abbauen kann. Zudem dürfen wir die Widerstände gegen die ärztliche Entscheidungshoheit für die Möglichkeit des medizinischen Einsatzes von Cannabis-Medikamenten bei ihren Patienten nicht unterschätzen.

Ich denke, dass die Vertreter der ACM und weitere Sachverständige ihr Bestes geben haben, um den Gesetzgeber davon zu überzeugen, dass es notwendig ist, die Erwartungen, die viele Menschen mit dem Gesetz verbunden haben und in der Folgezeit häufig zerstört wurden, in der Zukunft durch geeignete Nachbesserungen am Gesetz zu erfüllen.

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Franjo Grotenhermen

Warum sind die drogenpolitischen Sprecher für das Thema Cannabis als Medizin zuständig?

Von Dr. Franjo Grotenhermen

Im Vorfeld der Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags am 20. März 2019 hatten Professorin Dr. Kirsten-Müller-Vahl (2. Vorsitzende der ACM) und ich zum Teil allein und zum Teil zu zweit Gespräche mit Mitgliedern des Gesundheitsausschusses geführt. Dies war unter anderem deshalb wichtig, weil in dieser Legislaturperiode alle drogenpolitischen Sprecher der im Bundestag vertretenen Parteien neu in dieses Amt gekommen sind, überwiegend, weil die früheren Sprecher Dr. Harald Terpe (Grüne), Frank Tempel (Linke) und Burkhard Blienert (SPD), die sich in den vergangenen Jahren für das Thema sehr engagiert hatten, seit 2017 aus dem Bundestag ausgeschieden sind.

In einem dieser Gespräche ging es um die Frage, warum die drogenpolitischen Sprecher des Deutschen Bundestags zwar für das Thema Cannabis in der Schmerztherapie zuständig sind, jedoch nicht für das Thema Opiate in der Schmerztherapie. Die drogenpolitischen Sprecher sind sowohl für das Thema Legalisierung für den Freizeitkonsum als auch für den medizinischen Einsatz cannabisbasierter Medikamente zuständig. Nun haben vor allem viele konservative Politiker die Befürchtung, dass eine Liberalisierung im Bereich Cannabis als Medizin der erste Schritt zur generellen Legalisierung sein könnte. Auf der anderen Seite gibt es Politiker, die genau dies hoffen.

Bei den Opiaten ist es selbstverständlich, dass das Problem Heroinabhängigkeit nicht mit der Verwendung von Opiaten in der Palliativmedizin vermischt wird. Es käme auch niemand auf die Idee, das zu vermischen. Dafür sind Opiate in der Medizin schon zu lang und zu klar etabliert. Es ist für uns heute nicht mehr nachvollziehbar, dass dies bei Cannabis vielfach anders gesehen wird. Durch die personalisierte Zuständigkeit für zwei verschiedene cannabisbezogene Themen wird allerdings diese Vermischung im Bundestag institutionalisiert. Die Zuständigkeit ist selbstverständlich historisch gewachsen. Bis vor wenigen Jahren existierte das Thema Cannabis als Medizin aus der Sicht des Deutschen Bundestags nicht oder nur rudimentär. Es ist nun an der Zeit, dies zu ändern, damit ein neuer Blick auf das Thema erleichtert wird.

Für die ACM weisen wir immer wieder darauf hin, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Wir würden uns wünschen, wenn auch der Deutsche Bundestag eine deutlichere Trennung vornehmen würde. Das Thema Cannabis als Medizin ist ein gesundheitspolitisches und kein drogenpolitisches Thema. Unabhängig davon konnten wir feststellen, dass sich die Nachfolger der oben genannten ehemaligen drogenpolitischen Sprecher (Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Niema Movassat und Dirk Heidenblut) nach unserem Eindruck genauso stark für das Thema Cannabis als Medizin engagieren. Auch der Vertreter der FDP, Dr. Wieland Schinnenburg, hat sich klar für Fortschritte ausgesprochen.

Aus unserer Stellungnahme zu den Gesetzentwürfen:
„Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM) betrachtet die medizinische Verwendung von Cannabis und cannabisbasierten Medikamenten als gesundheitspolitisches - und nicht als drogenpolitisches -Thema. Ziel ist es, die Behandlung von Patienten mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen zu verbessern, bei denen cannabisbasierte Medikamente wirksam sind oder sein können.“

Presseschau: Bitter – offenbar kranker Cannabis-Benutzer hatte keine Bescheinigung (Wochenblatt)

Für die Mitnahme von Betäubungsmitteln ins Ausland benötigen Patienten ein ausgefülltes Formular, das vom behandelnden Arzt und dem Gesundheitsamt unterschrieben wird. Damit darf eine max. 30-tägige Dosis mitgeführt werden. Wer dies nicht beachtet, muss mit einer Strafe rechnen.

Bitter – offenbar kranker Cannabis-Benutzer hatte keine Bescheinigung

Ein Mann, dem sein Arzt medizinisches Cannabis verschrieben hat, wurde bei einer Kontrolle der Polizei Dingfest gemacht. Zwar wurden ihm die Betäubungsmittel verschrieben, aber ihm fehlte das Stück Papier vom Amt.

Ebenfalls am Montag kontrollierten die Schleierfahnder einen BMW, der zuvor aus der Tschechischen Republik ins Bundesgebiet eingereist war. Einer der Fahrzeuginsassen, ein 30-jähriger Deutscher, händigte den Beamten ca. 10 Gramm medizinisches Cannabis aus. Wie eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt des Mannes ergab, besitzt dieser das Cannabis legal zu medizinischen Zwecken. Was ihm jedoch nun zum Verhängnis wurde: Er konnte keine Bescheinigung des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte vorweisen, die er für das Verbringen der Betäubungsmittel außer Landes und die anschließende Einfuhr gebraucht hätte. Somit mussten die Beamten den Mann wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz anzeigen.

Presseschau: „Lobbyisten reden Patienten ein, dass Cannabis die beste Medizin ist“ (Welt)

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, geht davon aus, dass cannabisbasierte Medikamente Patienten als beste Medizin von Lobbyisten eingeredet werde. Die Deutsche Presseagentur berichtete.

„Lobbyisten reden Patienten ein, dass Cannabis die beste Medizin ist“

Cannabis sei für manche Patienten als Medizin sinnvoll, aber „nicht die erste Wahl“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Vielen werde von Lobbyisten eingeredet, dass Cannabis immer die beste Medizin sei.

Die Nachfrage nach Cannabis auf Rezept hat nach Ansicht der deutschen Drogenbeauftragten Marlene Mortler nicht nur rein medizinische Gründe. „Uns ist vollkommen klar, dass es Druck von Patienten gibt, denen von Lobbyisten eingeredet wird, dass Cannabis immer die beste Medizin ist“, sagte sie am Rande einer UN-Drogenkonferenz in Wien.

Diese seit zwei Jahren in Deutschland erlaubten Arzneimittel seien für manche Patienten sinnvoll, aber „nicht die erste Wahl“, sagte die Beauftragte der Bundesregierung. „Es gibt viele andere gut wirkende, besser wirkende Medikamente.“

Der Internationale Drogenkontrollrat (INCB), der die Einhaltung von UN-Drogenverträgen überwacht, kritisierte vor Kurzem, dass einige Länder Cannabis als Medizin für verschiedenste Beschwerden zulassen, obwohl die Wirksamkeit nur für Patienten mit Multipler Sklerose, Epilepsie oder mit Nebenwirkungen von Chemotherapie belegt sei. Eine zu liberale Verschreibungspraxis könne den Eindruck erzeugen, Cannabis sei auch als Droge harmlos, warnten die Experten des INCB.

Mortler nahm an einer Sitzung der Suchtstoffkommission der Vereinten Nationen teil, in der UN-Mitglieder die internationale Drogenpolitik regelmäßig weiterentwickeln. Kommende Woche wird das Gremium über den Vorschlag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beraten, den Cannabis-Bestandteil Cannabidiol (CBD) von der Liste der verbotenen Substanzen zu streichen. Das nicht psychoaktive CBD wird für Arzneimittel verwendet. Die WHO schlage jedoch nicht vor, Cannabis ganz zu legalisieren, betonte Mortler.

Presseschau: Droht das Verbot für CBD-Produkte? EU-Kommission verordnet eine Zulassungspflicht (Der Storyteller)

In der EU wird darüber diskutiert, ob CBD-Exrakte unter die neue Novel Food-Verordnung fallen oder nicht. Diese Frage ist bisher noch nicht abschließend beantwortet.

Droht das Verbot für CBD-Produkte? EU-Kommission verordnet eine Zulassungspflicht

Immer mehr Menschen sind von den gesundheitlichen Vorteilen von CBD-Öl überzeugt. Es hilft laut Erfahrungsberichten tausenden Menschen, doch bald könnte CBD-Öl verboten werden, weil die EU-Kommission Cannabidiol als sogenanntes „Novel Food“ klassifiziert. Damit gilt der Verkauf von CBD enthaltenden Produkten als illegal, sofern keine Zulassung nach gründlicher und erfolgreicher Prüfung erfolgt. Gibt es doch noch eine Chance für das gesundheitsfördernde Naturprodukt?

Cannabis-Branche feierte in den letzten Jahren große Erfolge – zurecht!

Egal ob Öl, Tee, Blüten, Cremes oder Balsame: CBD-Produkte haben schon vielen Menschen geholfen. Insbesondere bei gesundheitlichen Problemen. Gerade in den letzten Jahren, gab es einen regelrechten Hype um das legale Cannabidiol, kurz CBD, welches unter anderem Hauptbestandteil der Hanfpflanze ist, jedoch nicht berauschend wirkt und daher legal ist. Immer mehr Menschen scheinen zu erkennen, dass ihnen das Naturprodukt besser helfen kann, als es Medikamente je getan haben. Was CBD alles kann, erstrecht im Rahmen einer Krebsbehandlung, kannst du in unserem Artikel „CBD-Öl gegen Krebs“ nachlesen.

CBD ist bislang legal in Deutschland zu erwerben
Cannabidiol gilt vor dem Gesetzgeber als nicht psychoaktiv und fällt somit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Bisher wurden CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel, medizinische Produkte oder Kosmetika klassifiziert, die ab einem Alter von 18 Jahren erworben werden dürfen. Der Handel von CBD-Produkten, die als Heil- oder Arzneimittel deklariert sind, ist hingegen verboten. Eine Anerkennung als Heilmittel hat es nämlich bisher in Deutschland nicht gegeben. Händler dürfen dementsprechend keine Heil- oder Wirkungsversprechen abgeben. Höchstens praktizierende Mediziner dürften CBD als Medikament auf Rezept verschreiben.

EU-Verordnung klassifiziert CBD jetzt als “Novel Food”
Seit kurzem steht es jedoch schlecht um die Cannabis- bzw. CBD-Branche in Deutschland. Nachdem Österreich vor kurzem in einer Pressemitteilung das „Verbot von CBD-haltigen Produkten in Lebensmitteln und Kosmetika“ bekanntgab, gab es auch in Deutschland Irritationen, ob Händler nun um ihren Arbeitsplatz bangen müssen. Wie es dazu kam: CBD wurde in der gesamten EU als sogenanntes „Novel Food“ erklärt. Der im Januar 2018 in Kraft getretenen EU-Verordnung (EU) 2015/2283 vom 25. November 2015, der „Novel-Food“-Verordnung, zufolge, gilt jedes Lebensmittel, das vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang verzehrt wurde, als neuartiges Lebensmittel.

Mit dieser Verordnung wurde ein zentrales Bewertungs- und Zulassungsverfahren eingeführt. Diesem zufolge entscheiden EU-Risikomanager darüber, ob neue Lebensmittel auf dem europäischen Markt in den Verkehr gebracht werden können. Zwecks der Sicherheit der Verbraucher werden solche Lebensmittel in einigen Fällen zuvor einer wissenschaftlichen Risikobewertung unterzogen. CBD als „Novel Food“ ist demnach ebenfalls zulassungspflichtig. Händler von CBD-Produkten müssen in einem Antrag an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) beweisen, dass ihr Produkt keine Gefahr für den Verbraucher darstellt, keine Irreführung des Verbrauchers bewirkt und ihr Verzehr nicht zu einem Ernährungsmangel führt. Dann erst entscheidet die zuständige Landesbehörde, die für die Lebensmittelüberwachung zuständig ist, über den Status „verkehrsfähig“ oder nicht.

Wie lange so ein Genehmigungsverfahren dauert, ist unklar. Man kann sich jedoch vorstellen, dass wir in Anbetracht der langsam mahlenden Bürokratie-Mühlen in Deutschland nicht von Wochen oder Monaten sprechen. Vom finanziellen Aspekt sicher ganz zu schweigen, insbesondere durch die Umsatzeinbußen, mit denen während des Genehmigungsverfahrens zu rechnen ist.

Bedeutet dies das Aus für die Branche?
Cannabis selbst gilt nicht als neuwertiges Lebensmittel. Die Verwendung von Produkten wie Hanfsamen, Hanfsamenöl, Hanfsamenmehl und fettfreies Hanfsamenprotein, die aus der Herstellung von Cannabis gewonnen wurden, konnte bereits vor 1997 nachgewiesen werden, damit zählt Cannabis selbst nicht zu den „Novel Foods“.

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Presseschau: Medizinisches Cannabis: Hartinger-Klein auf der Bremse (Tiroler Tageszeitung, Österreich)

Auch in Österreich wird weiter darüber diskutiert, ob der Bevölkerung ein Zugang zu weiteren Cannabis-Medikamenten eröffnet werden sollte.

Medizinisches Cannabis: Hartinger-Klein auf der Bremse

In einer Aussendung nahm FP-Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein am Dienstag zur Diskussion rund um medizinisches Cannabis im Gesundheitsausschuss des Parlaments Stellung. „Für mich sind die bestmögliche medizinische Versorgung und die Sicherheit der Österreicherinnen und Österreicher im Zusammenhang mit Arznei- und Lebensmitteln die obersten Ziele“, wurde sie darin zitiert.

„Das gilt selbstverständlich auch für cannabisbasierte Produkte und Arzneimittel,“ hieß es weiter. Arzneimittel müssten ihre Wirkung, aber auch ihre Neben- und Wechselwirkungen in umfangreichen Studien nachweisen und ein strenges Zulassungsprozedere durchlaufen. Ganz besonders gelte das für Substanzen die viele verschiedene Wirkungen hätten und sehr komplex in den menschlichen Stoffwechsel – wie eben Cannabis – eingreifen würden.

Die Patienten in Österreich hätten mit Pharmazeutika wie Sativex oder Dronabinol Zugang zu zugelassenen und genau geprüften Medikamenten auf THC- bzw. THC/CBD-Basis. Diese seien entsprechend auf Wirkung und Nebenwirkungen geprüft. „Dieser Nachweis ist derzeit für Blüten- oder Fruchtstände im Vergleich zu diesen cannabisbasierten Präparaten nicht gegeben“, stellte das Ministerium in seiner Aussendung fest. Den Reinsubstanzen sei darüber hinaus im Vergleich zu den getrockneten Blüten- und Fruchtständen im medizinischen Einsatzgebiet der Vorzug zu geben, da diese in bedarfsgerecht exakter und reproduzierbarer Dosierung zum Einsatz gelangen könnten. „Änderungen der österreichischen Rechtslage in diesem Bereich werden nur dann vorgenommen, wenn entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen und der Einsatz durch ausreichende Studien gerechtfertigt wird.“

Hartinger-Klein stellte allerdings auch einen Konnex zwischen medizinischem Cannabis und Drogen her: „Der Missbrauch von Suchtgiftmittel stellt eine große Gefahr dar. Aus diesem Grund wird seitens des Ministeriums alles unternommen um diese Gefahr so gering wie möglich zu halten. Sämtliche Suchtmechanismen und Abhängigkeiten müssen dargelegt werden. Nicht umsonst steht Cannabis auf der Liste der illegalen Drogen und der Einsatz als Arzneimittel kann daher nur genau kontrolliert und unter den strengen Auflagen des österreichischen Arzneimittelgesetzes erfolgen.“

Thema bleibt auf der Tagesordnung des Parlaments
Medizinisches Cannabis bleibt indes auf der Tagesordnung des Nationalrates. Am Dienstag wurde unter anderem ein erster vom Parlament eingeforderter Expertenbericht im Gesundheitsausschuss diskutiert und von den Abgeordneten der Regierungsparteien zur Kenntnis genommen. Doch es wird im Plenum weitere Diskussionen zu dem Thema geben, womöglich auch einen zweiten Expertenbericht.

Der erste vom Parlament von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein eingeforderte Report zur Wertigkeit von medizinischem Cannabis in der Medizin wurde laut Liste Jetzt und SPÖ im Gesundheitsausschuss von der Mehrheit (Regierungsparteien) zur Kenntnis genommen. Die Regierungsfraktionen, so hieß es nach der Sitzung, hätten bereits einen Antrag eingebracht, wonach die Krankenkassen die Verschreibungspraxis zugelassener pharmazeutischer Cannabinoid-Arzneimittel österreichweit analysieren sollten. Hier geht es wohl vor allem um die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen für die Patienten.

(…)

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Zwei Jahre medizinischer Cannabis: Der Hype ist vorbei (DW.com)

Österreich: Verbraucherschutzverein fordert Liberalisierung von CBD und Cannabis (CBDRatgeber)

Cannamedical® startet deutschlandweites Beratungsangebot für Ärzte und Apotheker (boerse.de)

Deutsche Eigenproduktion soll Cannabis-Bedarf decken (NTV)

Das dubiose Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln mit dem Hanf-Inhaltsstoff CBD (SWR)

Warum eine Kanadierin glaubt, eine bessere Mutter zu sein, wenn sie kifft (Spiegel Online)

Psychiater warnt vor Cannabis als Medikament (WAZ.de)

Cannabis lässt Bionorica glänzen (Apotheke Adhoc)

Zuspruch für Genehmigungs­vorbehalt bei Verordnung von medizinischem Cannabis (Ärzeblatt)

Land Berlin soll Cannabis anbauen (Berliner Morgenpost)

Liste Jetzt: Hartingers Cannabis-Bericht fehlt wissenschaftliche Basis (DerStandard)

Je stärker das Cannabis in einer Stadt, desto häufiger sind Psychosen (Speugel Online)

Experten sehen Reformbedarf (Pharmazeutische Zeitung)

Gesundheitsausschuss zu Cannabis in der Medizin (APA, Österreich)

Expertenbericht zu Cannabis: Alles Schall und Rauch? (Kurier, Österreich)

ACM-Mitteilungen vom 10. März 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute jährt sich zum zweiten Mal das Gesetz zu Cannabis als Medizin, das am 10. März 2017 in Kraft trat. Die Bilanz ist durchwachsen. Gemessen am Ausspruch von Helmut Schmidt, das „Schneckentempo ist das normale Tempo jeder Demokratie“ hat sich die Situation der Patienten in den vergangenen Jahren dramatisch gebessert. Angesichts der vielen Probleme, die viele Patienten weiterhin von einer Therapie ausschließen, verzweifeln diese und ihre Ärzte an der Langsamkeit der Verbesserungen und einige an demokratischen Prozessen und Kompromissen. Die gute Nachricht: Sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch die Oppositionsparteien wollen nachbessern.

Eine öffentliche Anhörung zu den Anträgen der Linksfraktion, der Grünen und der FDP findet am 20. März 2019 im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages statt.

In den vergangenen Wochen hatten einige Ärztinnen und Ärzte Probleme mit der Staatsanwaltschaft bzw. dem Gesundheitsamt. Wir geben in diesen ACM-Mitteilungen Tipps für betroffene Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten. Selbstverständlich haben Medienvertreter Interesse an solchen Geschichten, weil es immer spannend ist, wenn ein Staatsanwalt im Zusammenhang mit Cannabis gegen einen Arzt vorgeht. Um dann etwas unglücklich aus einer Lappalie einen Skandal zu inszenieren, wie kürzlich geschehen. Die betroffene Ärztin war wenig erfreut über die Veröffentlichung. Wir empfehlen, damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern sich an die ACM zu wenden, damit Betroffene von den Erfahrungen ihrer Kolleginnen und Kollegen profitieren und konstruktiv etwas verbessern können, und damit nicht möglicherweise das Gegenteil erzielt wird von dem, was wir erreichen möchten.

In diesem Zusammenhang möchte ich über die Möglichkeit informieren, bei der ACM die Aufnahme in die interne Mailingliste für Ärztinnen und Ärzte zu beantragen. Gegenwärtig enthält die Liste 99 Kolleginnen und Kollegen, die sich auch über rechtliche Probleme austauschen.

Im Februar hat das Sozialgericht Karlsruhe in einem Urteil zur Kostenübernahme von Dronabinol darauf hingewiesen, dass es erforderlich ist, beim Antrag auf eine Kostenübernahme cannabisbasierter Medikamente bei der Krankenkasse die spezifischen Nebenwirkungen der Standardmedikation und von Cannabis im konkreten Fall zu beschreiben. Allgemeine Ausführungen sind unzureichend.

Ein ärztlicher Kollege, der mit seinem Patienten erfolgreich einen Widerspruch gegen eine Befristung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse eingelegt hat, hat uns eine umfangreiche Vorlagefür einen solchen Widerspruch und die Begründung überlassen, die gern von anderen Patienten oder Ärzten von unserer Internetseite heruntergeladen und genutzt werden kann. Herzlichen Dank dafür!

Noch etwas Erfreuliches zum Schluss: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth hat im Februar das Verfahren gegen einen Patienten mit chronischen Schmerzen eingestellt, der Cannabis zum Eigenbedarf angebaut hat. Der Betroffene argumentierte erfolgreich mit den Lieferengpässen bei Cannabisblüten.

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Franjo Grotenhermen

Tipps für Ärztinnen und Ärzte zur Vermeidung von Problemen mit Staatsanwaltschaft und Aufsichtsbehörden

In den vergangenen Wochen haben einige Ärztinnen und Ärzte Probleme mit der Staatsanwaltschaft, dem Regierungspräsidium oder dem Gesundheitsamt Probleme bekommen. In einem Fall reichte ein Vortrag über das Thema Cannabis als Medizin durch eine Ärztin, dass das Regierungspräsidium alle Betäubungsmittelrezepte einsehen wollte. In einem anderen Fall stellte das Gesundheitsamt die weitere Teilnahme am Betäubungsmittelverkehr infrage, weil (sehr wenige) Durchschläge von Betäubungsmittelrezepten fehlten. In einem weiteren Fall monierte die Staatsanwaltschaft das Fehlen einer ausreichenden Indikation für die Verschreibung von Cannabis und damit einen Verstoß gegen § 13 Betäubungsmittelgesetz. Auch ein fehlendes A bei Überschreitung der Höchstverschreibungsmenge kann zu Problemen führen.

In diesem Zusammenhang können folgende Tipps von Nutzen sein.

1. Es muss grundsätzlich eine ausreichende Indikation für die Verschreibung von Betäubungsmitteln nach § 13 Betäubungmittelgesetz geben. Diese dürfen vom Arzt nur verschrieben werden, wenn "wenn ihre Anwendung am oder im menschlichen oder tierischen Körper begründet ist. Die Anwendung ist insbesondere dann nicht begründet, wenn der beabsichtigte Zweck auf andere Weise erreicht werden kann."

Ärzte müssen also unabhängig von der Frage der Kostenübernahme durch eine Krankenkasse begründen können, warum der beabsichtigte Zweck nicht anders erreicht werden kann, beispielsweise weil alternative Therapieverfahren, bei denen keine Betäubungsmittel eingesetzt werden, nicht so gut wirken wie Cannabis bzw. einzelne Cannabinoide oder stärkere Nebenwirkungen verursachen. Bereits das Betäubungsmittelgesetz verlangt, dass eine Therapie mit Cannabis genauso wie eine Therapie mit Opiaten keine Therapieoption der ersten Wahl sein kann.

Diese rechtliche Vorgabe muss unterschieden werden von der Vorgabe zur Kostenübernahme durch die Krankenkassen nach § 31 Abs. 6 SGB V, nach der eine schwere Erkrankung vorliegen muss, und der Patient weitgehend austherapiert sein muss.

2. Ein weiterer Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz durch einen Arzt bzw. eine Ärztin liegt vor, wenn bei Überschreitung der Höchstverschreibungsmenge kein A vor die Verschreibung gesetzt wird. Die Höchstverschreibungsmenge für Cannabisblüten sind 100 g in 30 Tagen, für Dronabinol 500 mg 30 Tagen. Eine solche Überschreitung ist leicht versehentlich möglich, wenn die nächste Verschreibung nicht nach 31 Tagen, sondern bereits nach 28 Tagen erfolgt.

Eine Kollegin im Ärzteverteiler der ACM berichtete, dass sie häufig prophylaktisch eine A auf das Rezept setzt, um lieber ein A zu viel als zu wenig zu notieren. Denkbar ist z.B. bei Patienten, die Tagesdosen einnehmen, die bei Hochrechnung auf die monatliche Dosis nah an der Höchstverschreibungsmenge liegen, vorsorglich ein A zu setzen.

Ein besonderer Problemfall ist der folgende: Wenn ein Rezept nicht eingelöst werden konnte, insbesondere aufgrund von Lieferengpässen für eine rezeptierte Sorte, und ein neues Rezept angefordert wurde, ist es wichtig, zu dokumentieren, dass das Rezept nicht eingelöst werden konnte (und das vollständige Rezept aufzubewahren), da sonst die Verschreibungshöchstmenge ebenfalls leicht überschritten werden kann.

3. Es ist sorgfältig darauf zu achten, die Durchschläge von Betäubungsmittelrezepten aufzubewahren. Das Fehlen der Durchschläge kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Ein Kollege hat dazu eine Excel-Tabelle angelegt, in der Rezept-Nummer, Datum des Rezeptes und Name des Patienten eingetragen werden, sodass zusammen mit der Dokumentation in der Patientenakte ein guter Überblick darüber besteht, welcher Patient wann welches Rezept erhalten hat.

Wir bitten alle Kolleginnen und Kollegen, die Probleme mit Behörden, Polizei oder Staatsanwaltschaft haben oder hatten, sich bei der ACM zu melden, damit wir eine Übersicht gewinnen und Unterstützung leisten können. Wir sind an weiteren Anregungen zum Thema interessiert und wollen mit Hilfe eines Juristen eine Art Hinweisblatt oder Checkliste erstellen.

Presseschau: 142.000 Cannabisrezepte in 2018 - (k)ein Zeichen für Missbrauch? (Deutsche Apotheker Zeitung)

Im zweiten Jahr nach der Gesetzesänderung hat die Zahl der Cannabisrezepte weiter deutlich zugelegt. Man kann daher heute von etwa 15.000 Patienten ausgehen, die eine Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen erhalten. Weitere 15.000-30.000 Patienten erhalten vermutlich Privatrezepte mit oder ohne Kostenerstattung. Das ist noch weit unter den Zahlen, die wir aus anderen Ländern kennen bzw. als Bedarf hochrechnen können. In Industrieländern benötigen etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung Cannabisprodukte zur Linderung ihrer Leiden. Das entspricht für Deutschland 800.000 bis 1.600.000 Bürgern. Insofern sind die aktuellen Zahlen ein Dokument der Unterversorgung der Bevölkerung mit solchen Medikamenten.

142.000 Cannabisrezepte in 2018 - (k)ein Zeichen für Missbrauch?

Rund 142.000 Kassenrezepte über Cannabisarzneimittel landeten 2018 in Deutschlands Apotheken. Dies geht aus einer Statistik des Marktforschungsinstituts IQVIA hervor. Den Daten zufolge zeichnet sich ein anhaltender Wachstumstrend ab, insbesondere bei Cannabisrezepturen. Für Kritiker wie die Bundesapothekerkammer ist diese Entwicklung ein Zeichen für Missbrauch. Stimmen aus der Praxis interpretieren den Trend als eine Art Lernkurve mit dieser relativ jungen Behandlungsoption.

Seit knapp zwei Jahren können Ärzte Cannabis als Medizin verordnen.Nach ersten Anlaufschwierigkeiten hatte sich die Zahl der Kassenrezepte vor allem in eine Richtung entwickelt, und zwar nach oben. Dies zeigt auch die aktuelle Verordnungsstatistik des Marktforschungsinstituts IQVIA, die am heutigen Freitag veröffentlicht wurde.

Als Datengrundlage zog IQVIA die Zahl der Cannabisrezepte heran, die im Jahr 2018 als Fertig-, als Rezepturarzneimittel oder als unverarbeitete Cannabisblüten zulasten der GKV abgerechnet wurden. Die Blütentherapie fließt damit an zwei Stellen ein. So umfasst die Gruppe der Cannabisrezepturen sowohl Zubereitungen mit Rezeptursubstanzen (z.B. Dronabinol oder Tilray-Extrakte) als auch die Verarbeitung von Blüten, beispielsweise durch Zerkleinern. Eine weitere Aufschlüsselung der Kategorie geht aus der Statistik allerdings nicht hervor.

Wachstumstrend ungebrochen
Vergleicht man die Medizinalhanf-Verordnungen monatsweise im Vergleich zum Vorjahr, ergibt sich zwischen März und Dezember 2018 jeweils ein Zuwachs im dreistelligen Bereich gegenüber dem entsprechenden Monat in 2017. Zwischen März und August 2018 lag der Anstieg bei über 200 Prozent. Dabei ist zu bedenken, dass die Gesetzesänderung im März 2017 in Kraft trat, und in den ersten Monaten danach die Zahl der Verordnungen noch niedrig war.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Statistik keine Rückschlüsse auf die Zahl der Cannabispatienten zulässt, da auch Folgeverordnungen eingeflossen sind. Außerdem fehlen die Zahlen von Privatversicherten und Selbstzahlern.

Zunehmend mehr Rezepturen als Fertigarzneimittel
Laut IQVIA wurden 2018 rund 142.000 Kassenrezepte ausgestellt. Über ein Drittel davon ging auf das Konto von Allgemeinärzten, gefolgt von Neurologen, Ambulanzen und Anästhesisten. Dieses Facharztgruppenverhältnis weicht von einer Statistik der Techniker Krankenkasse vom Mai 2018 ab, bei der die Neurologen und Psychiater vorne gelegen hatten.

In der aktuellen IQVIA-Statistik entfallen 42 Prozent der Verordnungen auf Cannabisrezepturen, gefolgt von Fertigarzneimitteln mit 34 Prozent und Cannabisblüten ohne Verarbeitung mit 24 Prozent. Dies zeigt eine Verschiebung zwischen den Kategorien, denn bis einschließlich Februar 2018 dominierten Fertigarzneimittel als mengenstärkste Kategorie. Im März 2018 vereinten erstmals Zubereitungen den größten Anteil auf sich, seit Mai 2018 zeigt sich dies auch für die restlichen Monate des Jahres.

Presseschau: Zwei Jahre Cannabis auf Rezept: Zwischen Boom und Skepsis (Stuttgarter-Zeitung)

Mehrere Zeitungen ziehen nach zwei Jahren Cannabis als Medizin-Gesetz Bilanz. Vor allem unter den Firmen, die sich in diesem Bereich tummeln, herrscht eine große Euphorie, in der Ärzteschaft und unter Patienten jedoch häufig Ernüchterung.

Zwei Jahre Cannabis auf Rezept: Zwischen Boom und Skepsis

Seit zwei Jahren können Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommen. Seither steigt die Nachfrage rasant. Während medizinische Fragen offen bleiben, hoffen ausländische Firmen auf das große Geschäft. Nun will auch Israel mitmischen.

Die Entscheidung war eine Sensation im deutschen Gesundheitswesen: Seit dem 10. März 2017 können sich Patienten medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben lassen. Seither erlebt das Mittel einen Boom. Ausländische Firmen kommen nach Deutschland in der Hoffnung auf das große Geschäft, immer mehr Patienten wollen Cannabis-Therapien - und Ärzte, Apotheken und Krankenkassen erleben einen ungebremsten Andrang.

Wie Cannabis wirkt, ist schon lange bekannt. Es kann etwa Spastiken bei Multipler Sklerose oder chronische Schmerzen lindern. Teils aber ist die medizinische Wirkung nur gering belegt, so bei Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien oder beim Tourette-Syndrom, wie die Bundesärztekammer betont.

Cannabis in Deutschland war Nische
Bis zur Liberalisierung war medizinisches Cannabis in Deutschland eine Nische, nur rund 1000 Kranke hatten eine Ausnahmegenehmigung. Seither steigt die Nachfrage rasant, zeigen Zahlen des Apothekerverbands ABDA, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen.

Demnach gaben im Jahr 2018 Apotheken rund 145 000 Einheiten cannabishaltiger Zubereitungen und unverarbeiteter Blüten auf Basis von etwa 95 000 Rezepten zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung ab. Das sind mehr als dreimal so viele wie in den knapp zehn Monaten 2017 von der Freigabe im März bis zum Jahresende: Damals waren es 27 000 Rezepte und 44 000 Einheiten. Auch wurden 2018 gut 53 000 Packungen Fertigarzneien mit Cannabis-Stoffen abgegeben, ein Plus von einem Drittel.

Zugang ungewiss
Die Zahlen legten nahe, dass deutlich mehr Patienten mit medizinischem Cannabis versorgt würden, sagte Andreas Kiefer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts. „Aber wir wissen nicht, ob alle Patienten, die von medizinischem Cannabis profitieren könnten, Zugang dazu haben.“ Zahlen zu Cannabis-Patienten gibt es nicht, laut Schätzungen könnten es rund 15 000 sein.

Auch die Krankenkassen erleben einen Ansturm. Allein bei den großen - AOK-Bundesverband, Barmer, Techniker und DAK-Gesundheit - gingen 2018 insgesamt 19 600 Anträge auf Erstattung der oft teuren Cannabis-Therapien ein. Rund zwei Drittel der Anträge bewilligten die Kassen, in den übrigen Fällen fordern sie meist Informationen nach.

Einige Fragen blieben offen, erklärt der AOK Bundesverband - etwa jene, welche Diagnose eine Cannabis-Verordnung ermögliche. So inhalieren Patienten Cannabisblüten bei vielen Erkrankungen, etwa gegen Depressionen oder Schmerzen bei Multipler Sklerose. Doch eine klare Indikation für die Anwendung von Blüten gibt es nicht.

Gelten für Medikamente üblicherweise hohe Zulassungshürden, wurde Cannabis zur Verordnung erlaubt, während der Gesetzgeber die Wirksamkeit noch begleitend erforschen lässt. Das ruft Kritiker auf den Plan. Die medizinische Anwendung von Cannabis sei zwar seit mehr als 4700 Jahren bekannt, heißt es in einem Fachbeitrag der Barmer Krankenversicherung, „ist aber in vielerlei Hinsicht auch auf einem vorwissenschaftlichen Stand stehen geblieben.“

Exporteure aus den Niederlanden und Kanada profitieren
Die politischen Bemühungen zum Cannabis-Anbau halten derweil mit dem Boom kaum mit. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat den Anbau von 10,4 Tonnen Medizin-Cannabis an Firmen ausgeschrieben. Das ist deutlich mehr als zunächst geplant (6,6 Tonnen), doch Klagen gegen die Regeln verzögern die Vergabe. Die erste Ernte wird Ende 2020 erwartet, hieß es zuletzt.

Davon profitieren Exporteure aus den Niederlanden und Kanada, die Cannabis nach Deutschland bringen. Der kanadische Konzern Tilray etwa verkündete jüngst, Cannabisblüten ab sofort allen hiesigen Apotheken zur Verfügung stellen. Und der Anbieter Nuuvera sieht ein Potenzial von Hunderttausenden Hanf-Patienten in Deutschland.

Nun gab Israel grünes Licht für den Export von Medizin-Cannabis - auch nach Deutschland. Das Land will sich einen Vorsprung sichern: 200 klinische Studien laufen dort. Medizin-Hanf hat in Israel lange Tradition. Dass die Wirkstoffe THC und CBD Schmerzen lindern und Krämpfe lösen können, fand der israelische Wissenschaftler Raphael Mechoulam schon 1964 heraus. Die niedrige Luftfeuchtigkeit und das günstige Klima machen den Anbau in dem Land effizient. Mehr als 18 Tonnen medizinisches Cannabis werden laut Gesundheitsministerium pro Jahr produziert. Aber besitzt Isreal genug Ressourcen für den Export?

Schnell steigende Nachfrage
Dadi Segal, Chef des Pharmaunternehmens Panaxia, ist optimistisch: „Wir produzieren 50 000 Produkte pro Monat, im Safe liegen drei Tonnen Cannabis, und wir sind bereit für mehr.“ Sollte die Nachfrage aus dem Ausland steigen, könne Panaxia, einer der größten Produzenten Israels, in drei Tagesschichten arbeiten. Der deutsche Markt sei sehr interessant, sagt Segal. „Wir sind mit mehreren Firmen im Gespräch, die an medizinischem Cannabis aus Israel interessiert wären.“

In Deutschland spüren einige Pharmafirmen die schnell steigende Nachfrage. So ist der Kölner Verarbeitungsbetrieb „Cannamedical“ auf Exportländer wie Kanada angewiesen. Lieferprobleme ließen sich schwer ausgleichen, sagt Chef David Henn. Er würde Lieferanten aus Israel begrüßen. „Die geografische Nähe würde den Export einfacher und schneller machen.“

Presseschau: Drogenkontrollrat warnt vor zu laxer Kontrolle von medizinischem Cannabis (Augsburger Allgemeine)

Die Vereinten Nationen befassen sich gegenwärtig mit dem Bericht der Weltgesundheitsorganisation zu Cannabis, in dem der Pflanze und ihren Inhaltsstoffen ein medizinisches Potenzial zugesprochen wird. Wie bei jedem gesellschaftlichen Wandel haben Personen, die seit Jahren auf dem status quo beharren, Probleme, ihre Position zu verändern und die Chancen für die Menschen zu erkennen.

Drogenkontrollrat warnt vor zu laxer Kontrolle von medizinischem Cannabis

Immer häufiger wird Cannabis als Medizin verwendet. Der UN-Drogenkontrollrat warnt davor, dass der Umgang damit zu lax sein könnte und befürchtet Missbrauch.

Der vermehrte Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken birgt nach Ansicht des Internationalen Suchtstoffkontrollrats (INCB) große Risiken. Ungenügend regulierte Cannabis-Programme für medizinische Zwecke könnten dazu führen, dass die Droge auch außerhalb dieses eng begrenzten Rahmens genutzt werde und so die öffentliche Gesundheit beeinträchtigen könne, schreibt das Gremium in seinem am Dienstag in Wien veröffentlichen Bericht.

"Es gibt sehr viele Missverständnisse über die Sicherheit, Regulierung und Verteilung von Cannabis - besonders dort, wo der Gebrauch für Freizeitzwecke legalisiert wurde oder Cannabis-Programme für medizinische Zwecke erweitert werden", sagte der INCB-Präsident Viroj Sumyai. Aufgrund dieser Entwicklung drohten generell die Risiken von Cannabis in den Hintergrund zu rücken.

Cannabis als Medizin: Drogenkontrollrat warnt vor zu wenig Kontrolle
Kanada hatte 2018 den legalen Zugang zu Cannabis für nicht-medizinische Zwecke ermöglicht. Auch in einigen US-Bundesstaaten ist ein Bezug von Cannabis nicht nur zu medizinischen Zwecken möglich. In Uruguay kann Cannabis schon seit 2013 erworben werden.

Auch durch Gerichtsurteile werde die Zweckbindung von Cannabis geschwächt, hieß es. So hätten Gerichte in Südafrika und Mexiko die Beschränkung auf medizinische Zwecke für verfassungswidrig erachtet.

Zugleich bekannte sich das Gremium zu einer stärkeren medizinischen Nutzung der schmerzstillenden Droge. Der Rat appellierte an die Regierungen, mehr zu tun, um das unnötige Leiden von Menschen, die keinen Zugang zu Schmerzmitteln hätten, zu beenden. In Deutschland können sich Patienten seit zwei Jahren medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben lassen.

Der INCB überwacht die Einhaltung der UN-Drogenkontrollverträge über den Anbau, die Produktion und Verwendung von Suchtmitteln.

Presseschau: Regierung bittet Uni Bern um Cannabis-Professor (Der Bund, Schweiz)

Die Schweiz holt mit ihren Plänen zum Thema Cannabis in der Medizin gewaltig auf. Ein neuer Vorstoß symbolisiert den bisherigen Mangel an Ausbildung von Medizinstudenten und Ärzten zum Thema und sucht, diese Lücke zu schließen.

Regierung bittet Uni Bern um Cannabis-Professor

Die Berner Kantonsregierung will die Universität Bern bitten, einen Ausbau der Cannabisforschung zu prüfen und zu klären, ob die Schaffung einer entsprechenden Professur sinnvoll wäre. Den Entscheid soll aber letztlich die Universität fällen.

Die Forderung geht auf einen überparteilichen Vorstoss zurück, der aus der Feder sehr unterschiedlicher Parlamentarier von EDU, SP, SVP, BDP und Grünen stammt. Sie fordern einen Lehrstuhl für die medizinische Cannabisforschung an der Universität Bern. Die Cannabispflanze habe bis in die 1950-er Jahre in der Medizin einen hohen Stellenwert gehabt. Wegen der berauschenden Wirkung des Tetrahydrocanabinols, kurz THC, sei der Hanf aber in Verruf geraten, bringen die Motionäre vor.

Heute kreise praktisch jede Diskussion im Zusammenhang mit Cannabis um die Legalität von THC. Dabei gehe vergessen, dass THC nur eines von über hundert Cannabinoiden sei. Der Regierungsrat gab den Vorstössern in seiner am Montag publizierten Antwort zu bedenken, dass die Schaffung, Besetzung oder Aufhebung von Professuren Sache der Universität sei und in deren Zuständigkeit falle. Die Regierung könne die Universität höchstes bitten, den Vorschlag zu prüfen.

Klar machte die Regierung auch, dass die Staatsbeiträge an die Universität nicht erhöht werden können. Die Universität müsste also den Ausbau im Forschungsgebiet Cannabis durch eine Umverteilung der Mittel vollziehen.

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Cannabis auf Rezept – Wie hoch ist die Nachfrage? (Ärzte Zeitung)

Genetisch veränderte Hefe produziert Cannabinoide (Spektrum.de)

18 Tonnen kommen zu uns: Köln wird zur Hanf-Hochburg (Express)

TILRAY kündigt die Unterstützung einer nicht-interventionellen Studie zur Schmerztherapie mit Cannabinoiden an (PressePortal)

Zu hohe Drogengehalte in CBD-Produkten (Deutschlandfunk)


ACM-Mitteilungen vom 24. Februar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

am 20. März 2019 findet im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags eine öffentliche Anhörung zu drei Anträgen der Fraktionen FDP, Die Linke und Bündnis 90/die GRÜNEN zum Thema Cannabis als Medizin statt. Da die Anhörung im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus öffentlich ist, können gern auch Patienten, ärztliche Kolleginnen und Kollegen und andere Interessierte nach entsprechender Voranmeldung beim Gesundheitsausschuss teilnehmen.

Zwei Mitglieder des ACM-Vorstandes wurden angefragt, ob sie den Ausschuss bei der Anhörung als Sachverständige zur Verfügung stehen, Professorin Kirsten Müller-Vahl, Ärztin für Psychiatrie und Neurologie an der medizinischen Hochschule Hannover und 2. Vorsitzende der ACM, und ich. Wir haben beide zugesagt.

Die FDP weist in ihrem Antrag darauf hin, dass die bisher von der deutschen Cannabisagentur ausgeschriebenen Mengen für den Anbau unzureichend sind. Es solle zudem die Möglichkeit geschaffen werden, Cannabisblüten aus deutschem Anbau zu exportieren.

Bündnis 90/Die GRÜNEN und Die Linke beantragen nach den bisherigen Erfahrungen mit Anträgen auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Streichung des Genehmigungsvorbehalts durch die Krankenkassen. Wenn ein Arzt eine Therapie für notwendig erachtet, wären die Krankenkassen dann gezwungen, die Kosten auch zu erstatten. Das würde ein großes Problem lösen, denn gegenwärtig werden Anträge auf eine Kostenübernahme zum Teil mit wenig überzeugenden Argumenten von Krankenkassen bzw. den Medizinischen Dienst der Krankenkassen abgelehnt. Auch die privaten Versicherer sind nicht kulanter als die gesetzlichen Versicherungen, nach den Erfahrungen einzelner Ärzte sogar strenger.

Nach den bisherigen Erfahrungen mit den Krankenkassen, die mit aller Macht versuchen, die Zahl der Kostenübernahmen gering zu halten, könnte allerdings durch den Wegfall des Genehmigungsvorbehalts ein neues Problem entstehen. Bereits jetzt informieren einige Krankenkassen nach Genehmigung der Kostenübernahme den jeweils behandelnden Arzt darüber, dass dies nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie vor einer Regresszahlung, also einer Strafzahlung bei mangelnder Wirtschaftlichkeit, geschützt sind. Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Krankenkassen diesen Hebel noch stärker nutzen werden, um sicherzustellen, dass Ängste behandelnder Ärztinnen und Ärzte vor Strafzahlungen noch verstärkt werden. Wir werden mit den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses darüber sprechen müssen, wie sinnvoll mit dieser Problematik umgegangen werden kann.

Kein verantwortungsbewusster Arzt hat ein Interesse daran, dass Cannabis bzw. cannabisbasierte Medikamente verschrieben werden, obwohl sie nicht indiziert sind. Das ist in Deutschland rechtlich auch nicht zulässig, da der § 13 Betäubungmittelgesetz bereits grundsätzlich hohe Hürden für die Verschreibung von Betäubungsmitteln vorgibt. Viele Ärztinnen und Ärzte verzweifeln jedoch an der gegenwärtigen Rechtslage und werfen das Handtuch, in dem Sie sich entschließen, grundsätzlich keine solchen Präparate mehr zu verschreiben, oder nur noch auf einem Privatrezept. Eine sinnvolle Lösung ist daher dringend erforderlich, um die Frustration vieler Patientinnen und Patienten sowie Ihrer behandelnden Ärzte abzubauen. Insofern ist der Ansatz der Streichung des Genehmigungsvorbehalts ein richtiges Signal.

Das EURopaparlament hat eine Entschließung zugunsten einer besseren medizinischen Versorgung mit cannabisbasierten Medikamenten sowie ihrer Erforschung angenommen. Wie die Deutsche Apotheker Zeitung treffend formuliert, wurden dabei die Cannabisblüten „vergessen“. Ein Antrag der Grünen Fraktion, der die Therapie mit Cannabisblüten ebenfalls berücksichtigt, wurde mit knapper Mehrheit nicht angenommen, sodass die GRÜNEN dem Antrag auch nicht zugestimmt haben. Bisher werden in EURopa Cannabisblüten immer noch mit dem Freizeitkonsum assoziiert, im Gegensatz zu den USA und Kanada. Daher ist das Engagement von Legalisierungsorganisationen, die sich in diesem Zusammenhang für die Cannabisblüten einsetzen, kritisch zu sehen. Ein solches Engagement kann bei konservativen Mitgliedern des EURopaparlaments eher die Vorurteile verstärkten, nach denen es hier nicht um eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung, sondern um medizinfremde Anliegen gehen könnte. Vielleicht wäre in diesem Zusammenhang Zurückhaltung besserer als ein gut gemeintes Engagement.

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Franjo Grotenhermen

Presseschau: Weltgesundheits­organisation empfiehlt Neuklassifizierung von Cannabis (Ärzteblatt.de)

Auch das Deutsche Ärzteblatt berichtet über die Empfehlung der WHO zur Umstufung von Cannabis. Wir berichteten bereits in der letzten Ausgabe.

Weltgesundheits­organisation empfiehlt Neuklassifizierung von Cannabis

Die 53 UN-Länder, die Mitglieder der Kommission für Suchtstoffe sind, werden im März dieses Jahres entscheiden, ob sie über die WHO-Empfehlungen zu Cannabis abstimmen oder die Abstimmung auf März 2020 verschieben wollen. /Adam, stock.adobe.com

Berlin – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen eine Neuklassifizierung von Cannabis, die insbesondere die medizinische Nutzung von Cannabis erleichtern würde. Das geht aus einem Brief der WHO an UN-Generalsekretär António Guterres hervor, der sich auf eine Neuberwertung von Cannabis und seine Inhaltsstoffe THC und CBD beruft.

Seit 1961 hat der WHO-Sachverständigenausschuss für Drogenabhängigkeit das Potenzial für Schädigung, Abhängigkeit und Missbrauch von Cannabis nicht mehr überprüft. Im November 2018 untersuchte die wissenschaftliche Arbeitsgruppe der WHO erneut die Risiken von Cannabis, THC und CBD. Sie kamen zu dem Schluss, dass die aktuelle Einstufung, die Cannabis mit Heroin in eine Gruppe einordnet, nicht gerechtfertigt ist. Gleichzeitig wurde ein medizinischer Nutzen von Cannabis anerkannt. Weitere Wirkstoffe, wie Pregabalin, Fentanylderivate und Tremadol wurden ebenfalls einer Prüfung unterzogen.

Gemäß den Empfehlungen der WHO sollen Cannabisblüten und Haschisch aus der Liste der gefährlichsten Drogen, der Anlage IV der Single Convention, gestrichen werden und nur noch in der Liste der weniger gefährlichen Drogen der Anlage I verbleiben. CBD-Präparate sollen, solange der THC-Gehalt 0,2 Prozent nicht übersteigt, gänzlich aus der Single Convention entfernt werden.

Der bekannte Cannabiswirkstoff THC soll in den Anlagen der internationalen Drogenübereinkommen so verschoben werden, dass seine medizinische Anwendung erleichtert wird, nicht jedoch die Freizeitanwendung. Es liege nicht im Mandat der WHO, die Länder bei ihrer eigenen Kontrolle, einschließlich der Legalisierung von Cannabis, zu beraten, betont die WHO auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblatts (DÄ). Gemäß der Konvention von 1961 müsse Cannabis von den Unterzeichnerstaaten kontrolliert werden.

Die Empfehlungen der WHO folgen konsequenterweise dem medizinischen Wissensstand, den wir seit den 60er Jahren über den Einsatz von Cannabis als Medizin erlangt haben. Joachim Nadstawek, BVSD

Keine Auswirkung für das Betäubungsmittelgesetz in Deutschland
Der Vorsitzende des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD), Joachim Nadstawek, würde eine Neuklassifizierung befürworten: „Die Empfehlungen der WHO folgen konsequenterweise dem medizinischen Wissensstand, den wir seit den 1960er-Jahren über den Einsatz von Cannabis als Medizin erlangt haben.“ Es sei daher richtig, dass die Expertenkommission der WHO in ihrem Review 2018 die Wirksamkeit von medizi­nischem Cannabis gerade im Bereich der Therapie chronischer Schmerzen anerkenne, sagt er dem DÄ.

Nadstawek warnte aber auch vor falschen Schlussfolgerungen. Eine Neubewertung und Umstufungen von Cannabis im UN-Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel sei kein Signal, das bisherige Betäubungsmittelgesetz in Deutschland zu ändern. „Wie jedes Arzneimittel sollte auch Cannabis als Medizin mit Bedacht verordnet und unter ärztlicher Aufsicht Anwendung finden.“

In einem nächsten Schritt muss nun die Suchtstoffkommission ECDD darüber abstimmen, ob sie die Empfehlungen übernehmen wollen. Die nächste Gelegenheit wäre bereits bei einer Tagung im März 2019. Gleichzeitig benötigen auch die 53 Mitgliedstaaten Zeit, um die Empfehlung zu prüfen und zu kommentieren. Aufgrund des straffen Zeitplans könnte die Entscheidung der UN über die Neueinstufung von Cannabis auch in den März 2020 verschoben werden.

Presseschau: Nutzung von Arzneimitteln auf Cannabis-Basis fördern (Europäisches Parlament)

Das EURopäische Parlament fordert eine Förderung der Forschung und einen erleichterten Zugang zu cannabisbasierten Medikamenten.

Nutzung von Arzneimitteln auf Cannabis-Basis fördern

In einer am Mittwoch angenommenen Entschließung fordern die Abgeordneten die Kommission und die nationalen Behörden auf, eindeutig zwischen Arzneimitteln auf Cannabis-Basis und anderen Anwendungen von Cannabis zu unterscheiden. Kommission und Mitgliedstaaten sollen die regulatorischen, finanziellen und kulturellen Hindernisse beseitigen, vor denen die Forschung hier steht. Die Forschung sollte angemessen finanziert und medizinisches Personal besser über medizinisches Cannabis informiert werden.

Zudem sollten die Forschungstätigkeiten in der EU ausgeweitet und die Innovation im Zusammenhang mit Projekten, bei denen es um den Einsatz von Cannabis in der Medizin geht, gefördert werden.

Ärzte sollen Arzneimittel auf Cannabis-Basis verschreiben dürfen
Die Abgeordneten fordern die Mitgliedstaaten auf, es dem professionellen Ermessen der Ärzte zu überlassen, Patienten mit entsprechenden Krankheiten offiziell zugelassene Arzneimittel auf Cannabis-Basis zu verschreiben. Wenn diese Medikamente wirksam sind, sollen sie von den Krankenversicherungen in gleicher Weise wie bei anderen Arzneimitteln übernommen werden, heißt es.

Das Parlament betont, dass sich eine Regulierung für Arzneimittel auf Cannabis-Basis in zusätzlichen Ressourcen für die Gebietskörperschaften niederschlagen würden und sich mit ihr der Schwarzmarkt eindämmen und die Qualität und eine korrekte Kennzeichnung sicherstellen ließe. Zudem würde sich der Zugang Minderjähriger zu diesem Stoff beschränken lassen.

Hintergrundinformationen
Die Abgeordneten sind der Ansicht, dass es dass es Beweise dafür gibt, dass Cannabis oder Cannabinoide im Zusammenhang mit HIV/Aids den Appetit anregen oder den Gewichtsverlust verringern, die Symptome von psychischen Störungen wie Psychosen, des Tourette-Syndroms und von Epilepsie, Alzheimer, Arthritis, Asthma, Krebs, Morbus Crohn und Grünem Star lindern, zur Verringerung des Risikos von Adipositas und Diabetes beitragen sowie Menstruationsbeschwerden lindern können.

Während die WHO im Dezember 2017 offiziell empfohlen hat, den Stoff Cannabidiol (CBD) – ein Bestandteil von Cannabis – nicht international als kontrollierten Stoff zu erfassen, sind die Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten zum Einsatz von Cannabis in der Medizin sehr unterschiedlich.

Presseschau: EU-Parlament will Cannabismedizin fördern und „vergisst“ die Blüten (Deutsche Apotheker Zeitung)

Die Deutsche Apotheker Zeitung weist in ihrem Artikel daraufhin, dass das EURopäische Parlament das Thema nur sehr zaghaft angegangen ist.

EU-Parlament will Cannabismedizin fördern und „vergisst“ die Blüten

Mehr Forschung und Abbau kultureller Barrieren in der Cannabismedizin – dies und mehr fordert das EU-Parlament in einer Resolution, die am gestrigen Mittwoch in Straßburg verabschiedet wurde. Außerdem wollen die Abgeordneten von der EU-Kommission eine klare Definition des Begriffs „Cannabismedizin“. Die Präferenz des Parlaments, was darunter zu verstehen ist, geht aus dem Resolutionstext bereits hervor.

Der Einsatz von Cannabis als Medizin in EURopa ist ein Flickenteppich. Der langjährige Status der Pflanze als illegale Droge hatte die Forschung erschwert, Fachkreise fordern mehr Evidenz. Wissenschaftliche Debatten werden häufig emotional geführt.

Diese Baustellen sind inzwischen im EU-Parlament angekommen. Am gestrigen Mittwoch verabschiedeten die Abgeordneten in Straßburg eine Resolution, mit der die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten dazu aufgefordert werden, die Nutzung und Erforschung von Cannabisarzneimitteln voranzutreiben.

Abgrenzung zur Freizeitanwendung
Darin werden die EU-Kommission und die nationalen Behörden dazu aufgefordert, eine Definition für den Begriff Cannabismedizin zu schaffen. Dabei solle zwischen Cannabisprodukten mit einer Arzneimittelzulassung und Cannabis, das nicht in klinischen Studien getestet wurde, unterschieden werden.

Außerdem soll die medizinische von der Freizeitanwendung differenziert werden. „Zu oft wird der Freizeitkonsum von Cannabis mit dem medizinischen Einsatz verwechselt“, erklärte Tiemo Wölken, SPD-Abgeordneter im EU-Parlament, nach der Abstimmung gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Patientinnen und Patienten, denen dieser Einsatz helfen kann, müssen legal und sicher versorgt werden können.“

Was ist Cannabismedizin?
Was bei der medizinischen Anwendung zu bevorzugen ist, dazu hat das EU-Parlament anscheinend bereits eine Meinung. So steht in der Resolution, dass seitens der Kommission sicherzustellen sei, „dass sicheres und kontrolliertes Cannabis, das für medizinische Zwecke eingesetzt wird, nur in Erzeugnissen auf Cannabis-Basis besteht, für die klinische Prüfungen durchgeführt wurden und eine Überprüfung und Zulassung durch die Regulierungsbehörden erfolgt ist.“

In Deutschland gibt es derzeit nur wenige zugelassene Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis wie beispielsweise Sativex®. Cannabisblüten, die in der Versorgung derzeit eine größere Rolle spielen, sowie die Rezeptursubstanz Dronabinol haben dagegen keine Arzneimittelzulassung. Interessanterweise wird an einer anderen Stelle im Dokument auf die Vielfalt der in der Pflanze enthaltenen Cannabinoide und deren klinisches Potenzial hingewiesen. Hier ist anzumerken, dass Patienten von dem Inhaltsstoffspektrum vor allem dann in vollem Maße profitieren können, wenn sie die Blüten anwenden. Bei Präparaten, die auf Monosubstanzen beruhen, wie beispielsweise Dronabinol, wäre dies nicht der Fall.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied des Umwelt- und Gesundheitsausschusses im EU-Parlament hatte sich per Änderungsantrag dafür eingesetzt, dass mit der Resolution auch die Blüten gefördert werden, was allerdings nicht berücksichtigt wurde. „Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass die medizinische Verwendung von Cannabis in Blütenform gleichberechtigt zu anderen Formen des medizinischen Cannabis gefördert wird“, erklärte Häusling am gestrigen Mittwoch in einer Mitteilung.

Barrieren abbauen
Des Weiteren will das EU-Parlament die Cannabis-Forschung fördern. Da Cannabismedizin ein weites Feld ist, soll die EU-Kommission Prioritäten bei den weiter zu untersuchenden Anwendungsgebieten vornehmen. Der Resolutionstext enthält zudem einen klaren Appell, das Potenzial der Cannabismedizin besser zu nutzen: „… fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, die regulatorischen, finanziellen und kulturellen Hindernisse zu beseitigen, vor denen die wissenschaftliche Forschung zum Einsatz von Cannabis in der Medizin und die allgemeine Forschung im Bereich Cannabis steht.“

Dem Einsatz von Cannabis in der Praxis steht neben moralischen Vorbehalten häufig auch mangelndes Wissen und Erfahrung im Weg. Auch diese Hürde möchte das EU-Parlament beseitigen und fordert die Mitgliedstaaten dazu auf, das medizinische Fachpersonal in der Anwendung von Cannabisarzneien auszubilden.

Therapiehoheit des Arztes
Weitere Punkte in der Resolution betreffen die Patientenversorgung in der Praxis. Hier ist im Hinblick um die aktuelle Debatte um den Genehmigungsvorbehalt durch die Kassen möglicherweise folgende Passage interessant, in der die Therapiehoheit des Arztes hervorgehoben wird: „… fordert die Mitgliedstaaten ferner auf, es völlig dem professionellen Ermessen der Ärzte zu überlassen, Patienten mit entsprechenden Krankheiten offiziell zugelassene Arzneimittel auf Cannabis-Basis zu verschreiben, und es Apothekern zu gestatten, diese Rezepte einzulösen.“ Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, dass Cannabismedizin von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird.

Die Entschließung hat zwar keinen gesetzgeberischen Charakter, stellt jedoch ein starkes politisches Signal zur Cannabismedizin auf EU-Ebene dar. Auf internationaler Ebene bewegt sich Einiges beim Cannabis. So hatte vor kurzem die WHO der UN empfohlen, die „Gefahrenstufe“ von Cannabis als Droge zu verringern. Die Entscheidung der UN steht allerdings noch aus.

Presseschau: Patient*innen ohne Stoff (taz.de)

In den vergangenen Wochen gab es wieder vermehrt Lieferengpässe, vor allem aufgrund des geringen Angebots kanadischer Hersteller.

Patient*innen ohne Stoff

In den Sortimenten deutscher Apotheken herrscht derzeit eine Lücke: Medizinisches Cannabis ist dort akute Mangelware. So gibt es schon seit mehr als drei Wochen kein Marihuana aus Kanada mehr. Nur einige Blütensorten aus den Niederlanden sind noch verfügbar. Für Patient*innen hat das Folgen. Viele stünden derzeit ohne Medizin da, sagte Georg Wurth, Sprecher des Hanfverbands, der taz. „Einige Patienten erleiden dadurch eine erhebliche Verschlechterung ihrer Lebensqualität, etwa durch unnötige Schmerzen.“

Seit März 2017 gilt in Deutschland das „Cannabis als Medizin“-Gesetz, das die Abgabe von Cannabis an schwerkranke Patienten erleichtert. Gesetzliche Krankenkassen können nun neben den Kosten für cannabisbasierte Fertigarzneimittel auch die für getrocknete Cannabisblüten erstatten.

Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes gab es laut Hanfverband gut 1.000 Cannabis-Patient*innen in Deutschland. Seit März 2017 gingen bei den drei größten gesetzlichen Krankenkassen, AOK, Barmer und TK, nun fast 32.000 Anträge auf Kostenübernahme ein, ungefähr zwei Drittel wurden genehmigt. Und die Gesamtzahl aller Cannabis-­Pa­tien­t*innen liegt noch weitaus höher. Denn AOK, Barmer und TK haben einen Marktanteil von rund 63 Prozent. Dazu kommen noch die Kund*innen der anderen gesetzlichen und privaten Krankenkassen.

Mit dem neuen Cannabis-Gesetz hätten auch die Versorgungsengpässe begonnen, sagte Christian Splett vom Deutschen Apothekerverband der taz. „Die hohe Nachfrage aufgrund der ärztlichen Verordnungen konnte nicht durch Importe aus dem Ausland gedeckt werden.“

Weltweit steigende Nachfrage nach Marihuana
Rezepte für Cannabis sind auf die genaue Sorte abgestimmt und nur sieben Tage gültig. Ist die Sorte nicht verfügbar, gehen die Patient*innen leer aus und können ihre Symptome nicht behandeln. Laut Hanfverband-Sprecher Wurth liegen die Lieferengpässe an der weltweit steigenden Nachfrage nach Marihuana. „Ein wesentlicher Faktor dürfte die Legalisierung in Kanada sein.“ Produktionsländer wie Kanada und die Niederlande versorgten erst ihre eigenen Märkte, bevor sie ins Ausland exportierten.

Deutsche Apotheken dürfen bisher nur Cannabis aus Kanada und den Niederlanden importieren. Zwar wird auch in Uruguay seit 2017 Marihuana staatlich angebaut. Die dortige Legalisierung als Genussmittel verstoße aber gegen UN-Konventionen, so das Bundesgesundheitsministerium zur taz. Deshalb habe sich die Bundesregierung gegen einen Import entschieden.

Indes: Auch Kanada hat Marihuana 2018 als Genussmittel legalisiert. Auf Nachfrage der taz, warum der Import aus Kanada dennoch legal sei, antwortete das Gesundheitsministerium, dass Kanada im Gegensatz zu Uruguay „in einem getrennten System die Versorgung mit medizinischem Cannabis aufrecht erhalten“ wolle.

In Deutschland produzieren Unternehmen noch kein medizinisches Marihuana. Daher sind die Apotheken auf die Importe angewiesen. Der Anbaubeginn von medizinischem Cannabis war für 2019 geplant. Für die Produktionserlaubnis lief auch bereits ein Ausschreibungsverfahren, das aber wurde vom Oberlandesgericht Düsseldorf aufgrund von Klagen mehrerer Unternehmen gekippt. Nun läuft ein zweites Verfahren, dessen Zuschlag Mitte 2019 erfolgen soll. Die erste Ernte in Deutschland erwartet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Ende 2020. Geplant ist die Produktion von 10.400 Kilogramm medizinischem Marihuana in vier Jahren.

„Bundesregierung hat den Bedarf unterschätzt“
Kritik an der Planung der Bundesregierung kommt von den Grünen. „Die Bundesregierung hat den Bedarf nach Cannabis von Anfang an unterschätzt“, sagte Kirsten Kappert-Gonther, drogenpolitische Sprecherin der Grünen, der taz. Die Regierung hätte den Anbau in Deutschland stärker vorantreiben müssen. „Schon heute ist der Bedarf größer als die geplante Anbaumenge.“

Ähnlich äußert sich die Linke. „Die Bundesregierung muss endlich dafür sorgen, dass Cannabis-Patient*innen ihr Medikament in der Apotheke auch erhalten können“, erklärte Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher der Linken. Die Regierung habe sich „beim Thema Cannabisanbau in Deutschland stümperhaft verhalten“. Die Anbaumengen seien viel zu gering angesetzt. „Wenn Deutschland den Import komplett durch eigenen Anbau ersetzen wollen würde, müssten etwa 25 Tonnen pro Jahr ausgeschrieben werden.“

Die Situation könnte sich jedoch bald etwas entspannen. Ende Januar erlaubte Israels Regierung den Cannabisexport. Dieser soll in einem halben Jahr beginnen. Das Bundesgesundheitsministerium teilte mit, dass deutsche Unternehmen nun Anträge für eine Importerlaubnis stellen könnten. Auch liege ein neuer Gesetzentwurf vor, der es Patient*innen und Ärzten einfacher mache, auf mögliche Lieferengpässe zu reagieren. So sei vorgesehen, dass die Patient*innen künftig keinen neuen Antrag bei ihrer Krankenkasse stellen müssten, wenn sie nur die Dosierung ändern oder die Blütensorte wechseln wollten.

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Kann Cannabis Tote aufwecken? (derFreitag)

Tilray erweitert sein Angebot für den deutschen Markt: Medizinische Cannabisblüten für die Herstellung von Rezepturarzneimitteln in Deutschland verfügbar (Presse Portal)

Es fehlen klare Regeln zur Anwendung von Cannabisblüten (Medical Tribune)

Dank Hasch zu neuer Blüte für Philips alte Leuchtmittelfirma (Welt.de)

Millionen für die Cannabis-Brüder (Frankfurter Allgemeine)

Medizinisches Cannabis für München: Eine Plantage auf Stadtgebiet? (Abendzeitung)

EU-Parlament will Cannabiseinsatz in der Medizin vorantreiben (Krankenkassen Deutschland)

Cannabiseinsatz in der Medizin soll gefördert werden (ÄrzteZeitung)


ACM-Mitteilungen vom 09. Februar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

in einem Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung unter dem Titel „Wie häufig sind Spaßverordnungen?“ versuchten Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, und Dr. Dirk Bodendiek, Präsident der Ärztekammer Sachsen, einen Teil der Ärzte, die Cannabis verordnen, zu diskreditieren. Die Deutsche Apotheker Zeitung stellt in einem Bericht über die gleiche Veranstaltung mit dem Thema „Cannabis als Medizin – Gefahren des Missbrauchs?“ die Frage: „Gibt es einen Glaubenskrieg in der Cannabistherapie?“

Vertreter der Landesärztekammer Sachsen, der Dr. Bodendiek vorsitzt, haben sich bisher in der Diskussion zum therapeutischen Potenzial von Cannabis vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass sie dieses Potenzial gering schätzen, dass Missbrauchspotenzial jedoch hoch. Herr Dr. Kieferneigt als Vertreter der Apotheker dazu, Patienten, die unverarbeitete Blüten verwenden anstatt Zubereitungen nach Rezepturvorschriften seines Verbandes unter Missbrauchsverdacht zu stellen. Es ist verständlich, dass die Sponsoren der Veranstaltung, Bionorica Ethics (Hersteller von Dronabinol) und Tilray (Hersteller standardisierter Extrakte) vor allem Personen eingeladen haben, die ihre Position unterstützen und damit den Umsatz ihrer Produkte fördern. Einzig Professor Dr. Joachim Nadstawek, Schmerztherapeut aus Bonn, der als einziger der Diskutanten praktische Erfahrung mit der Therapie hat, hat dagegen gehalten und darauf hingewiesen, dass Kostenübernahmeanträge zu häufig abgelehnt werden. Das ist die Realität. Das ist die Erfahrung, die viele Ärzte und Patienten machen.

Es geht nicht um einen Glaubenskrieg, sondern um Verteilungskämpfe innerhalb der Cannabisindustrie. Es geht um Marktanteile und Profite. Das wissen auch alle Beteiligten. Nach meiner Auffassung soll auch Geld verdient werden, damit die Firmen mit Enthusiasmus arbeiten und die Forschung vorantreiben können. Das Patientenwohl muss allerdings im Vordergrund stehen. Das kommt in der Debatte häufig zu kurz.

Zum Thema Missbrauch hier einige Anmerkungen:

1. Alle Medikamente, die psychische Wirkungen verursachen, darunter Benzodiazepine, Opiate und Amphetamine werden missbraucht. Und die Quelle sind häufig verschreibende Ärzte. Das wird es auch bei cannabisbasierten Medikamenten geben. Allerdings habe ich aufgrund der Rückmeldungen, die ich erhalte, eher den Eindruck, dass viele Ärzte bereitwillig Benzodiazepine, Neuroleptika, Opiate und Methylphenidat verschreiben und bei Cannabis eher zurückhaltend sind. Es ist daher absurd, im Zusammenhang mit Missbrauch vor allem Cannabis hervorzuheben. Der Benzodiazepin-Verbrauch in Deutschland und die massenhafte Verschreibung von Methylphenidat sowie die Opiat-Epidemie in den USA legen eher nahe, dass diese Substanzklassen ein Problem darstellen. Es ist natürlich richtig, auch bei Cannabis wachsam zu sein. Die Ärzteschaft sollte allerdings mit der Missbrauchskeule begründete Eingriffe in die Therapiehoheit entschieden zurückweisen.

2. Dr. Kiefer betrachtet die hohe Zahl der Verschreibungen unverarbeiteter Cannabisblüten „mehr als einen deutlichen Hinweis“, dass diese nicht nur rational und therapeutisch eingesetzt werden. Dieser Schluss ist unzulässig. Alle verfügbaren Präparate haben ihren Platz in der modernen Medizin, isolierte Cannabinoide, standardisierte Extrakte, Zubereitungen in der Apotheke und unverarbeitete Blüten. Es gibt eine rationale Therapie mit Cannabisblüten, wenn diese der Therapie mit anderen Präparaten überlegen, weil variabler in den Möglichkeiten ist. Dieser Vorwurf wird noch absurder, wenn man die Situation in Deutschland mit anderen Ländern vergleicht, in denen standardisierte Präparate eine untergeordnete Rolle spielen. Auch in diesen Ländern wird von Ärzten mit Cannabis eine gute Medizin betrieben.

3. Ich kann nachvollziehen, dass Ärzte wie Dr. Bodendiek aufgrund ihrer Cannabisängste keine Gelegenheit verstreichen lassen, um die Möglichkeiten der Therapie mit cannabisbasierten Medikamenten wieder einzuschränken und das Rad zurückzudrehen. Wer diese Position einnimmt, verhindert, dass vielen Patienten eine wirksame Therapie erhalten. Das kann nicht im Interesse verantwortlicher Personen in Politik und Gesundheitswesen sein. Im Gegenteil: Wir erleben als Ärzte im Alltag, dass die bestehende Rechtslage unzureichend ist, weil vielen verzweifelten Patienten eine solche Behandlung vorenthalten wird. Viele Ärzte sind bereits heute frustriert, dass sie sich häufig kaum gegen die Krankenkassen bzw. den MDK, der am Schreibtisch entscheidet, durchsetzen können.

4. Wer Patienten, die sich in ihrer Not früher illegal behandelt haben, weil es keine ausreichenden legalen Möglichkeiten gab, ihre Selbstmedikation vorhält und als Missbrauch diskreditiert, verwechselt Recht und Rechtslage. Es war ein Unrecht, diesen Patienten vor 10, 20 oder 30 Jahren keine legale Therapieoption zu eröffnen. Bereits am 31. Juli 2000 befand das Berufungsgericht von Ontario Kanadas Cannabisgesetz für „verfassungswidrig“, weil es die Bedürfnisse kranker Kanadier, die das Medikament als Arzneimittel verwenden, nicht berücksichtigte. Die Richter stellten fest, dass das völlige Verbot von Cannabis Patienten zwinge, zwischen Gesundheit und Gefängnis zu wählen. Wer diesen Patienten ihr illegales Handeln vorwirft, vergisst, dass die Rechtslage ein Unrecht darstellte. Fast niemand – mit Ausnahme ausgeprägter Homophobiker – käme heute auf die Idee, Homosexuellen vorzuwerfen, dass sie auch schon vor 30 Jahren homosexuell waren. Wenn es um Cannabis geht, scheint es vielen Teilnehmer in die Debatte jedoch leicht zu fallen, das damalige Unrecht aus zu blenden.

Schätzungen liegen jetzt bei 40.000 Patienten, die cannabisbasierte Medikamente in Deutschland einsetzen. Damit sind deutsche Patienten weiterhin völlig unzureichend mit entsprechenden Präparaten versorgt. Zahlen aus anderen Industrieländern zeigen, dass der Bedarf bei 1 bis 2 % der Bevölkerung liegt. Das entspricht für Deutschland 800.000-1.600.000 Bürger.

Wir sind erst am Anfang einer notwendigen Entwicklung. Wer diese Entwicklung bremsen will, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er Patienten in Deutschland weiterhin eine wirksame Therapie ihrer chronischen Erkrankung vorenthalten will. Denn darum geht es. Es geht um eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung. Dann kann auch ruhig Geld damit verdient werden.

Viel Spaß beim Lesen!

Franjo Grotenhermen

Presseschau: Wie häufig sind »Spaßverordnungen«? (Pharmazeutische Zeitung)

Die Behauptung, es gebe Spaßverordnungen von Cannabis, ist eine perfide Unterstellung, die die Ärzteschaft zurückweisen sollte. Dieser Begriff hat das Potential zum Unwort des Jahres im Gesundheitswesen.

Wie häufig sind »Spaßverordnungen«?

Die Gefahren des Missbrauchs bei der medizinischen Anwendung von Cannabis waren das Thema einer Veranstaltung des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD) heute in Berlin. Dieser befürchtet angesichts des Einflusses einer »recht massiven Cannabis-Lobby« eine »schleichende Grenzverwischung zwischen Cannabis als Arzneimittel und Cannabis als Genussdroge« – eine Entwicklung, vor der auch die Bundesapothekerkammer (BAK) schon mehrfach gewarnt hatte.

Ein Indiz einer solchen Grenzverwischung wäre die missbräuchliche Anwendung von Cannabis auf Rezept, für die BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer durchaus Hinweise sieht. Die Zahl der Rezepte und der Umsatz pro 1000 GKV-Versicherte für cannabishaltige Rezepturen seien seit März 2017 kontinuierlich angestiegen auf zuletzt (Oktober 2018) etwa 10.000 Rezepte und 81.000 EURo Umsatz. Das allein sei zwar noch kein Anzeichen für eine mögliche missbräuchliche Anwendung. Unterscheide man jedoch die Rezepturen in Zubereitungen aus Cannabis und unverarbeitete Cannabisdroge, ergebe sich ein anderes Bild: Denn pro Rezept werde mengenmäßig deutlich mehr unverarbeitete Cannabisdroge abgegeben, als wenn eine Zubereitung verordnet wird. Im November 2018 seien rund 6300 Mal Zubereitungen aus Cannabis und rund 4300 Mal unverarbeitete Cannabisdroge abgegeben worden; die abgegebenen Einheiten waren dagegen 7200 zu 6600. »Das ist für mich mehr als ein deutlicher Hinweis, dass es nicht nur im Sinne einer rationalen Pharmakotherapie eingesetzt wird«, sagte Kiefer.

Auch eine zweite Statistik weise aus seiner Sicht in diese Richtung, nämlich die Verordnungshäufigkeit in den einzelnen Bundesländern. Spitzenreiter sind Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin und das Saarland; hier liegt die Verordnungshäufigkeit zum Teil deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Der Unterschied sei hoch, so Kiefer, die Spanne reiche von circa 30 EURo bis knapp 150 EURo pro 1000 GKV-Versicherte. »Gäbe es eine anerkannte Ratio in der Pharmakotherapie mit Cannabiszubereitungen, dürfte das nicht so sein.« Die große Differenz sei für ihn ein Hinweis, dass »offensichtlich der medizinische Bedarf nicht die Maßgröße ist, nach der Cannabis verordnet wird«, sagte der Apotheker.

Für die Kostenübernahme fehlen noch etablierte Kriterien
Wird Cannabis verordnet, muss die Krankenkasse die Kostenübernahme zunächst genehmigen. Hierfür fehlen momentan noch etablierte Kriterien, bemängelte Dr. Detlev Parow, Leiter der Abteilung Arznei-/Hilfsmittel und sonstige Leistungen bei der DAK-Gesundheit. »Wir bewegen uns hier weitgehend in einem evidenzfreien Raum.« 99 Prozent der Anträge würden daher momentan vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) geprüft. Parow wies auf die großen Preisunterschiede zwischen der Droge und anderen cannabishaltigen Arzneimitteln hin. So seien Cannabisblüten etwa sechsmal so teuer wie Dronabinol. Auch vor dem Hintergrund des Wirtschaftlichkeitsgebots ist daher der starke Anstieg der Verordnungen von unverarbeiteter Cannabisdroge fragwürdig.

Dr. Axel Meeßen vom MDK Berlin-Brandenburg machte dagegen auch medizinische Bedenken geltend. Unverarbeitete Cannabisblüten sind häufig zur inhalativen Anwendung bestimmt. Hierbei fluten die enthaltenen Wirkstoffe wie ∆9-Tetrahydrocannabinol (THC) sehr schnell an und wieder ab. Bei der oralen Anwendung verläuft die Wirkspiegelkurve dagegen deutlich flacher. Starke Wirkspiegelspitzen sind bekanntlich mit einem höheren Missbrauchspotenzial assoziiert. »Inhalatives Cannabis müsste raus aus der Verordnungsfähigkeit. Es hat in der Therapie chronischer Schmerzen keinen Stellenwert«, lautete Meeßens Fazit.

Gegen den Verdacht, dass Ärzte durch die Verordnung von Cannabis in manchen Fällen einen Missbrauch unterstützen, wehrte sich Professor Dr. Joachim Nadstawek, Schmerzmediziner aus Bonn und Mitglied im Vorstand des BVSD, entschieden: »Ich erlebe in meiner Praxis keine Patienten, die eine Dosissteigerung fordern, wie es ja bei einem Missbrauch zu erwarten wäre.« Er kritisierte stattdessen, dass zu viele Anträge vom MDK abgelehnt würden – auch solche von Palliativpatienten.

Möglicherweise sind es aber ohnehin nicht spezialisierte Schmerzmediziner wie Nadstawek, die Cannabis zu leichtfertig einsetzen, sondern andere Fachärzte. »Der Druck, Cannabis zu verordnen, lastet eher auf den Allgemeinärzten«, sagte Erik Bodendiek von der Bundesärztekammer. Eine Möglichkeit, Fehlanwendungen zu vermeiden, sei daher aus seiner Sicht, die Berechtigung zur Verordnung von Cannabis auf einzelne Facharztgruppen zu beschränken.

Presseschau: Gibt es einen Glaubenskrieg in der Cannabistherapie? (Deutsche Apotheker Zeitung)

Es gibt einen Verteilungskrieg der Cannabisindustrie um die größten Profite. Es geht um mehr als um einen Glaubenskrieg. Es geht ums Geld.

Gibt es einen Glaubenskrieg in der Cannabistherapie?

Beim sogenannten Cannabisgesetz muss nachgebessert werden. Darüber waren sich Vertreter der Pharmazie, Medizin und der Kostenträger auf einer interdisziplinären Veranstaltung am vergangenen Freitag einig. Außerdem war die Mehrheit der Referenten davon überzeugt, dass die Verordnung von Cannabisblüten mit einem hohen Missbrauchspotenzial verbunden sei, im Gegensatz zu standardisierten Fertigarzneimitteln. Belege oder Zahlen gebe es dazu allerdings nicht.

Cannabis als Medizin polarisiert die Fachwelt. Erik Bodendiek von der Bundes-ärztekammer sprach in einem Vortrag am vergangenen Freitag sogar von einem „Glaubenskrieg“. Den Begriffsteil „Glauben“ habe er deshalb gewählt, weil seiner Meinung nach bei der Cannabismedizin eher die Eminenz als die Evidenz dominiere.

Auf der interdisziplinären Veranstaltung „Cannabis als Medizin – Gefahren des Missbrauchs?“ übte der Co-Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sucht und Drogen heftige Kritik an der derzeitigen Regelung zur Medizinalhanf-Verschreibung. Vor Ort in Berlin waren außerdem Dr. Andreas Kiefer (Bundesapothekerkammer), Dr. Detlev Parow (DAK-Gesundheit), Dr. Axel Meeßen (MDK Berlin-Brandenburg) und Professor Joachim Nadstawek. Die Veranstaltung wurde organisiert vom Institut für Gesundheitssystementwicklung und dem Berufsverband der Ärzte, Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD). Finanzielle Unterstützung gab es seitens des Extraktherstellers Tilray sowie von Bionorica Ethics, die die Rezeptursubstanz Dronabinol vertreiben.

Druck auf die Ärzteschaft
Bodendiek monierte, dass der Gesetzgeber den Cannabisblüten durch Aufnahme ins SGB V einen Medikamentenstatus verliehen habe, ohne dass diese eine Arzneimittelzulassung durchlaufen hätten. Und die vorhandene Evidenz sei von schlechter Qualität. Des Weiteren vermisse die Bundesärztekammer eine Indikationsliste.

Der dritte Kritikpunkt bestehe darin, dass auf dem verordnenden Arzt ein zu großer Druck laste. Denn in den meisten Fällen ginge die Initiative für eine Cannabis-therapie von Patienten aus, die bereits Konsumerfahrung hätten. An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Grenzen zur „Selbstmedikation“ oft fließend sind. Dies liegt unter anderem daran, dass das Cannabisgesetz erst vor knapp zwei Jahren in Kraft trat, die Ablehnungsquote zu Beginn besonders hoch war und viele Chroniker auf „alternative Bezugsquellen“ ausgewichen waren.

Steigende Verordnungen als Zeichen für Missbrauch?
Doch inzwischen ist offenbar eine Art Lernkurve eingetreten. Die Genehmigungs-quote hat sich kassenübergreifend auf immerhin zwei Drittel stabilisiert und die Zahl der Cannabisrezepte steigt. Der wachsende Bedarf ist für BAK-Präsident Kiefer ein Anzeichen für das Missbrauchspotenzial, insbesondere bei dem hohen Blütenanteil: Laut aktuellen GKV-Verordnungszahlen wurden von Januar bis September 2018 rund 128.000 Cannabisverordnungen auf Kassenrezept ausgestellt, davon entfallen 42.428 Verordnungen auf unverarbeitete Cannabisblüten und 43.087 auf die heterogene Gruppe der „Cannabishaltigen Zubereitungen“.

Kiefer warnt vor „Papieranalytik“
Cannabisrezepturen verursachten in der Apotheke viel Arbeit, gab Kiefer zu bedenken. Dies liege zum einen an der Kommunikation rund um die Lieferengpässe, zum anderen an dem hohen Prüfaufwand, der offenbar vom jeweiligen Bundesland abhänge. In dem Zusammenhang warnte Kiefer davor, dem Beispiel Schleswig-Holstein zu folgen, wo Cannabisblüten aus den Niederlanden als Fertigarzneimittel eingestuft würden. Denn ein Fertigarzneimittel sei nur mit einer Arzneimittel-zulassung verkehrsfähig und der komplette Verzicht auf die Identitätsprüfung berge die Gefahr, dass verschnittene Ware in die Apotheken käme.

Und sich auf Prüfzertifikate im Sinne einer „Papieranalytik“ zu verlassen, sei riskant, wie man am Beispiel der Valsartankrise gesehen habe. „Es gibt seitens der Apothekerschaft keinen Grund, alle Sicherheitsbedenken über Bord zu werfen“, betonte der Apotheker. Seiner Ansicht nach soll sich die Bundespolitik zu der „Fertigarzneimittelfrage“ positionieren, anstelle dies den Bundesländern zu überlassen.

Bei der Frage um den Prüfaufwand ist zu berücksichtigen, dass die Bundesregierung die Cannabiskosten halbieren will. Mit dem Entwurf für das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) werden der Deutsche Apothekerverband und der GKV-Spitzenverband dazu aufgefordert, sich auf niedrige Apothekenzuschläge zu einigen. Einen bundeseinheitlichen Gegenvorschlag zur Entlastung der Pharmazeuten gibt es allerdings nicht.

Wie teuer sind Cannabisblüten?
Um's Geld ging es auch bei den Wortbeiträgen der Kostenträger. Aus Sicht von Parow (DAK) seien die Blüten die teuerste Cannabisarznei. Dazu zog er eine Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) heran, derzufolge die monatlichen Kosten für eine Therapie mit Dronabinol 440 EURo, für die Behandlung mit Cannabisblüten 2.170 EURo kosten würden.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass die TK diese Zahlen anhand der Höchstmengen laut Betäubungsmittelverschreibungsverordnung angibt. Diese betragen für Dronabinol, das THC in Reinstform entspricht, 500 Milligramm und 100 Gramm für die Blüten. Diese Höchstmengen sind allerdings keine äquivalenten Verschreibungsmengen. Bei einer Blütensorte mit einem THC-Gehalt von 20 Prozent, wie in der Schmerztherapie häufig eingesetzt, unterscheidet sich die Ausgangsbasis für die TK-Berechnungen beispielsweise um den Faktor 40.

Doch die Auffassung, dass Blüten „teurer“ sind als andere Cannabisarzneien, hat sich bei den Kassen offenbar durchgesetzt. Außerdem kritisierte Parow die Vermischung der Freizeit- und medizinischen Anwendung. „Die Leute sollen konsumieren, was sie wollen, wenn sie es nur selbst bezahlen“, so der DAK-Experte.

MDK möchte mehr Kompetenz
Auch Meeßen, der die MDK-Seite (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) vertritt, sprach sich für eine schärfere Trennung zwischen der Legalisierungs- und der Medizinalhanfdebatte aus. Er bemängelte zudem, dass der MDK nicht die Kompetenz habe, Anträge aus inhaltlichen und nicht nur aus formalen Gründen abzulehnen.

Der politische Trend scheint derzeit in die andere Richtung zu gehen. So sind im aktuellen GSAV-Entwurf, Ausnahmen beim Genehmigungsvorbehalt vorgesehen. Dies bedauere der MDK-Experte sehr. Außerdem bemängelte Meeßen, dass Cannabis nicht nur von spezifischen Facharztgruppen verordnet werden dürfe, sondern auch von „fachfremden“ Hausärzten.

Schmerzmediziner: „Es sind mitnichten die Junkies“
Für Schmerzmediziner Nadstawek stellt sich das Kompetenzgerangel bei den Cannabisverordnungen anders dar. Es gehe nicht an, dass fachfremde Personen beim MDK Therapieempfehlungen abgeben. So stehe in den Ablehnungsbescheiden häufig die Empfehlung, dass die Schmerzpatienten doch stattdessen Opioide einnehmen sollen – ohne die Betroffenen zu kennen. Und dass Opioide für die Patienten besser seien, könne der BVSD-Vorstand nicht bestätigen.

Außerdem bezweifele er, dass das Missbrauchspotenzial der Blütenarzneien so hoch sei, wie von den Vorrednern angenommen. „Es sind mitnichten die Junkies, die nach Cannabis fragen, sondern die schweren Fälle“, schilderte der Schmerzmediziner aus seiner Praxiserfahrung.

Wie sprechen wir über Medizinalhanf in fünf Jahren?
Der Begriff „Glaubenskrieg“ klingt vielleicht etwas drastisch. Doch trifft er den emotionalen Aspekt der Debatte im Kern. Denn sowohl für die Kritiker als auch für die Befürworter der Blütentherapie spielt Eminenz eine große Rolle. Dies liegt möglicherweise zum einen an der Evidenzlage und der fehlenden Arzneimittel-zulassung. Hinzu kommt, dass Cannabis die in Deutschland am häufigsten illegal konsumierte Droge ist, und bis vor Kurzem auch als Medizin nicht verkehrsfähig war, was subjektiv die Bedenken einiger Kritiker verstärken könnte.

Am Status von Cannabis als illegale Rauschdroge könnte sich auf internationaler Seite langfristig etwas ändern. So hat das WHO-Expertengremium, das für Drogen und Suchtstoffe zuständig ist (ECDD), empfohlen, das Gefahrenpotenzial von Cannabis herunterzustufen. Konkret soll Cannabis nach Auffassung des ECDD nicht mehr in die internationale Betäubungsmittelkategorie 4 gehören, die mit einem kompletten Verbot von Herstellung, Handel und Besitz verbunden ist. Cannabis würde demnach nur noch zur Kategorie 1 gehören, die eine strenge staatliche Kontrolle vorgibt. Ob diese nicht rechtsverbindlichen Empfehlungen umgesetzt werden, ist Sache der UN. Und diese Entscheidung könne sich noch bis 2020 hinziehen, erklärte eine Sprecherin des ECDD gegenüber DAZ.online.

Presseschau: Unterschiede in der Verordnung von Medizinalcannabis (Ärzteblatt)

Patienten in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben erhebliche Probleme, Ärzte zu finden, die ihnen Cannabis-Medikamente verschreiben. Der Aussage von Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, es dürfe solche Unterschiede im Vergleich zu anderen Ländern nicht geben, ist daher zuzustimmen, allerdings aus anderen Gründen, als die, die er anführt.

Unterschiede in der Verordnung von Medizinalcannabis

Seit 2017 steigt die Zahl der über die Apotheken abgegeben Cannabis­rezepturen und damit der Umsatz in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV). Nicht immer passiere das im Sinne einer rationalen Pharmakotherapie, kritisierte der Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer, kürzlich bei der Veranstaltung „Cannabis als Medizin – Gefahren des Missbrauchs?“ in Berlin.

Aktuelle Auswertungen der Bundesvereinigung Deutscher Apotheker (ABDA) aus dem vergangenen Jahr zeigen deutliche regionale Unterschiede bei der Versorgung mit Cannabisblüten. Im Süden Deutschlands wurden demnach weit mehr Cannabis­rezepturen über die Apotheken abgegeben als im Norden.

Den durchschnittlichen GKV-Umsatz von 80 EURo pro 1.000 GKV-Versicherten über­schreiten die Bayern den Angaben zufolge um fast das Doppelte, dicht gefolgt von Baden-Württemberg. Den geringsten GKV-Umsatz verbuchen Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Westfalen-Lippe mit etwa 30 bis 40 EURo pro 1.000 GKV-Versicherten. „Gäbe es eine anerkannte Ratio in der Pharmakotherapie mit Cannabis dürfte es diese Unterschiede nicht geben“, ist Kiefer überzeugt.

Einen weiteren Hinweis dafür, dass der medizinische Bedarf nicht die Maßgabe für die Verordnung sei, sieht Kiefer in der Relation der eingelösten Rezepte zu unverarbeiteten und zubereiteten (gemahlen und gesiebt) Rezepturen in den Apotheken. Einheiten unverarbeiteter Cannabisrezepturen würden mehr pro Rezept abgegeben als zubereitete Rezepturen.

Für Kiefer gilt es somit als bewiesen, dass Cannabis nicht ausschließlich im Sinne einer rationalen Pharmakotherapie eingesetzt wird. Es liegt seiner Meinung nach aber nicht an der Qualität der Verordner oder der Apotheker.

Viel interessanter ist aber die Beobachtung, dass Schmerztherapeuten viel häufiger die Zubereitungen verordnen, während Allgemeinmeidziner viel häufiger unverarbeitete Cannabisblüten verordnen. Erik Bodendieck, Mitglied Kommission „Sucht- und Drogen“ bei der BÄK

Damit Ärzte mehr Erfahrungen mit dem Einsatz von Medizinalcannabis sammeln können, schlägt Erik Bodendieck, Mitglied Kommission „Sucht- und Drogen“ bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) vor, die Verordnung auf bestimmte Facharztgruppen zu beschränken.

Diese Einschränkung würde auch die DAK Gesundheit als sinnvoll erachten, stimmte Detlev Parow, Leiter Abteilung Arznei-/Hilfsmittel und sonstige Leistungen, zu. Aus Sachsen kann Bodendieck berichten, dass in erster Linie Schmerztherapeuten Medizinalcannabis verordnen und an zweiter Stelle die Allgemeinmediziner. „Viel interessanter ist aber die Beobachtung, dass Schmerztherapeuten viel häufiger die Zubereitungen verordnen, während Allgemeinmediziner viel häufiger unverarbeitete Cannabisblüten verordnen“, erläuterte der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer.

Indikationsliste fehlt
Bodendieck und Parow vermissen zudem eine Indikationsliste für Medizinalcannabis. Entscheiden muss laut Sozialgesetzbuch 5 der Arzt im Einzelfall nach begründeter Einschätzung. „Das Gesetz verschiebt damit die Last in Gänze auf den Arzt“, kritisierte der Allgemeinmediziner Bodendieck aus Leipzig. Auch aufgrund der geringen Evidenz rufe die BÄK daher dazu auf, Cannabis nur im Einzelfall zu verordnen, wenn alles andere ausgeschöpft ist.

Es ist nicht Sache des MDKs restriktiv eine vom Gesetzgeber gewollte Therapie zu behindern. Wieland Schinnenburg, FDP

Im Zweifelsfall können die Krankenkassen die Anträge auch an den Medizinischen Dienst (MDK) zur Prüfung weitergeben. Die DAK Gesundheit würde dies in 99 Prozent der Anträge tun, berichtete Parow. Welche inhaltlichen Ablehnungsgründe neben formalen Fehlern gerechtfertigt seien, wäre aber unklar.

Deutliche Kritik an der Prüfung des MDK äußerte Joachim Nadstawek vom Berufsver­band der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD): „Es verschlägt mir die Sprache, welche Anträge der MDK ablehnt. Es geht nicht, dass der MDK Therapieempfehlungen ausspricht“, so Nadstawek.

Auch Wieland Schinnenburg, Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik der FDP, betonte die Entscheidungsbefugnis des einzelnen Arztes. „Es ist nicht Sache des MDK restriktiv eine vom Gesetzgeber gewollte Therapie zu behindern.“

Daraufhin stellte Axel Meeßen Geschäftsführer vom MDK Berlin/Brandenburg noch mal die Prüflogik klar, die von vielen nicht verstanden würde. Nicht die Menge an Indikationen sei ausschlaggebend, ob ein Patient Cannabis bekommen sollte. Für jede einzelne Indikation müsse der Arzt zeigen, dass Therapiealternativen bereits ohne Erfolg erhoben wurden. Meeßen empfiehlt Ärzten daher, sich auf eine Indikation zu fokussieren.

Presseschau: Immer mehr deutsche Patienten bekommen Cannabis auf Rezept (Handelsblatt)

Die Zahl der Patienten, die Cannabis auf Rezept erhalten, steigt weiter an, befindet sich jedoch immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau.

Immer mehr deutsche Patienten bekommen Cannabis auf Rezept

FrankfurtImmer mehr schwerkranke Menschen in Deutschland bekommen Cannabis auf Rezept. Laut einer Umfrage des Handelsblatts unter den drei großen Krankenkassen AOK, Techniker Krankenkasse und Barmer wurden im vergangenen Jahr mehr als 18.400 Anträge auf Kostenerstattung gestellt.

Rund zwei Drittel dieser Anträge, also knapp 12.500, wurden bewilligt. 2017 waren von den drei Kassen rund 8800 Anträge positiv beschieden worden. Allerdings war Cannabis für therapeutische Zwecke erst ab dem 10. März 2017 zugelassen und nicht schon von Jahresbeginn an. Die Versorgung lief langsam an. Gesetzlich Krankenversicherte können vor dem Start der Behandlung einen Antrag auf Kostenerstattung stellen, den dann der Medizinische Dienst der Kassen prüft.

Die drei großen Krankenkassen AOK, TK und Barmer stehen mit insgesamt rund 45 Millionen Mitgliedern für mehr als 50 Prozent des Marktes der gesetzlichen Krankenversicherung. Insgesamt haben die drei Kassen seit der Cannabis-Freigabe als Medizin rund 21.300 Anträge auf Kostenerstattung genehmigt. Die Genehmigungsquote liegt insgesamt bei rund zwei Dritteln, allerdings gehen die Zahlen bei den einzelnen Kassen auseinander.

Bei den insgesamt elf Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), bei denen im vergangenen Jahr 10.900 Anträge eingingen, lag die Genehmigungsquote bei durchschnittlich 63 Prozent. Die Techniker Krankenkasse hatte 2018 von den 2200 eingegangenen Anträgen rund 68 Prozent bewilligt, bei der Barmer lag die Quote mit 71 Prozent von insgesamt 5349 Anträgen noch etwas höher.

Cannabisimporteure erhöhen ihre Einfuhrmengen
Die Statistiken der Krankenkassen zeigen, dass bei der Mehrzahl der Fälle vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen Cannabis auf Rezept bekommen. Die Fälle, bei denen eine Kostenübernahme abgelehnt wird, werden oft damit begründet, dass bei dem Patienten noch andere therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Wie viele Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept bekommen, ist unklar, da darüber keine bundesweite Statistik existiert. Rechnet man die Zahlen von AOK, TK und Barmer hoch, dürften es aber mittlerweile mehr als 40.000 Patienten sein. Nicht alle werden mit Cannabis-Blüten versorgt.

Nach den aktuellsten Zahlen des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entfallen rund 38 Prozent der Verordnungen auf unverarbeitete Cannabisblüten, 34 Prozent auf cannabishaltige Zubereitungen wie etwa Dronabinol und 29 Prozent auf Fertigarzneimittel wie das Mundspray Sativex oder das Medikament Canemes. Diese Kapseln verschreiben Ärzte gegen Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien. Sativex ist seit 2011 unter anderem zu Behandlung von Verkrampfungen bei Multipler Sklerose zugelassen.

Die wachsenden Patientenzahlen sorgen für einen steigenden Bedarf an Cannabisblüten in Deutschland. Deswegen erhöhen die Importeure auch ihre Einfuhrmengen. Seit März vergangenen Jahres haben insgesamt neun Importeure beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Erhöhung ihrer Importmengen auf eine Jahreshöchstmenge von nunmehr knapp 25.600 Kilogramm beantragt. Das beinhaltet die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage des Abgeordneten Niema Movassat von der Linkspartei, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die Linken kritisieren die Menge des Jahresbedarfs an Cannabis
Vor der Freigabe von Cannabis als Medizin summierten sich die Importgenehmigungen zwischen 2008 und März 2017 auf insgesamt 4000 Kilogramm. Damals hatte nur wenige Patienten eine Sondererlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Cannabisblüten für therapeutische Zwecke aus der Apotheke zu beziehen.

Bei Cannabisblüten veranschlagt das BfArM eine Tagesmenge pro Patient von einem Gramm, der Jahresbedarf beläuft sich danach auf 365 Gramm pro Patient. Demnach bräuchten 10.000 Patienten also 3650 Kilogramm Blüten pro Jahr. Mit der Freigabe von Cannabis als Medizin hatte das BfArM 2017 auch ein Ausschreibungsverfahren für den Anbau von Cannabis in Deutschland gestartet. Nachdem die erste Ausschreibung nach Gerichtsbeschluss wegen Formfehlern aufgegeben werden musste, haben nun für die zweite Ausschreibung 79 Bieter beziehungsweise Bietergemeinschaften ein Angebot abgeben. Die Zuschläge sollen im zweiten Quartal dieses Jahres erfolgen. Die erste Ernte erwartet das Institut Ende 2020.

Niema Movassat, der Sprecher für Drogen- und Verfassungspolitik der Linkspartei, kritisiert die in der BfArM-Ausschreibung veranschlagte Menge von 10,4 Tonnen Cannabisblüten verteilt auf vier Jahre als „Tropfen auf dem heißen Stein“. „Wenn Deutschland den Import komplett durch eigenen Anbau ersetzen wollte, müssten 100 Tonnen ausgeschrieben werden“, findet Movassat.

Die Bundesregierung müsse die Ausschreibungskriterien praxistauglicher gestalten, so der Bundestagsabgeordnete weiter. Es brauche flexible Anbaumengen und Anbausorten. Dies würde sicherstellen, dass die Cannabissorten angebaut werden, die die Patienten benötigen. Das BfArM wiederum weist darauf hin, dass bei der Festlegung der Ausschreibungsmenge auch berücksichtigt werden musste, dass Hersteller, Händler und Apotheken medizinisches Cannabis künftig weiterhin auch bei Importeuren kaufen können.

Presseschau: Erste Ernte möglicherweise Ende 2020 (Stuttgarter Zeitung)

Jetzt ist 2020 als Zieljahr für den Anbau in Deutschland anvisiert. Vielleicht wird es auch 2021.

Erste Ernte möglicherweise Ende 2020

Seit Anfang 2017 ist in Deutschland ein Gesetz in Kraft, das den Einsatz von Cannabis-Arzneien bei einer ärztlichen Therapie und bei Patienten mit schweren Krankheiten erlaubt. Nun steht die erste mögliche Ernte fest: Ende 2020 soll es soweit sein.

Ende 2020 soll in Deutschland erstmals Cannabis für medizinische Zwecke geerntet werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) will im zweiten Quartal des laufenden Jahres endgültig den Zuschlag für mögliche Produzenten von Medizin-Cannabis erteilen, wie die Behörde am Montag in Bonn mitteilte.

79 Bieter haben demnach Angebote abgegeben. Es geht um den Anbau von 10.400 Kilogramm Cannabis, verteilt auf vier Jahre. Der ursprünglich für 2019 geplante Start des Anbaus von Cannabis in Deutschland hatte sich verzögert, weil die Ausschreibung wegen eines Verfahrensfehlers wiederholt werden musste. Im April will das Oberlandesgericht Düsseldorf noch über die Klage eines Bieters entscheiden. Mit einer ersten Ernte rechnet das Bundesinstitut nun im vierten Quartal 2020.

Gesetz seit Anfang 2017 in Kraft
Seit Anfang 2017 ist in Deutschland ein Gesetz in Kraft, das den Einsatz von Cannabis-Arzneien bei einer ärztlichen Therapie und bei Patienten mit schweren Krankheiten erlaubt. Die Anbaumenge ist demnach in 13 Lose zu je 200 Kilo Cannabis pro Jahr aufgeteilt, damit auch kleinere Unternehmen zum Zuge kommen und das Ausfallrisiko vermindert wird. Derzeit wird Cannabis aus dem Ausland nach Deutschland importiert, das ist auch weiter möglich.

Presseschau: Einsatz von Cannabis in der Medizin ernst nehmen, fordern die Abgeordneten (Europäisches Parlament)

Auch das EURopäische Parlament befasst sich mit der Thematik und wird in der kommenden Woche über das Thema Cannabis als Medizin debattieren. Es liegt ein Entschließungsantrag vor und diverse Änderungsanträge. EURopäische Mitglieder im Vorstand der IACM schicken den entsprechenden Abgeordneten eine E-Mail, um die Haltung renommierter Experten auf diesem Gebiet deutlich zu machen.

Einsatz von Cannabis in der Medizin ernst nehmen, fordern die Abgeordneten

Die Abgeordneten werden mit der EU-Kommission erörtern, wie Forschungslücken beim Einsatz von Cannabis in der Medizin geschlossen werden können, und am Mittwoch eine Entschließung annehmen.

Die Abgeordneten werden die Kommission dazu befragen, wie die EU die qualitativ hochwertige Erforschung von Arzneimitteln auf Cannabis-Basis unterstützen und Normen für nichtpharmazeutisches medizinisches Cannabis festlegen könnte, um die Sicherheit der Verbraucher zu gewährleisten.

In dem Entschließungsantrag wird betont, dass die Kommission und die nationalen Behörden eine klare Unterscheidung zwischen medizinischem Cannabis und anderen Verwendungen treffen müssen. Kommission und Mitgliedstaaten werden aufgefordert, rechtliche Hindernisse, die die wissenschaftliche Forschung belasten, zu beseitigen. Die Forschung solle angemessen finanziert und die Kenntnisse über medizinisches Cannabis unter den Angehörigen der medizinischen Berufe verbessert werden.

Hintergrundinformationenß
Die Abgeordneten sind der Ansicht, dass es überzeugende Beweise dafür gibt, dass Cannabis und Cannabinoide eine therapeutische Wirkung bei der Behandlung von chronischen Schmerzen bei Erwachsenen und von Übelkeit und Erbrechen aufgrund einer Chemotherapie haben sowie zur Linderung der spastischen Lähmung aufgrund von multipler Sklerose wirksam eingesetzt werden können.

Während die WHO im Dezember 2017 offiziell empfohlen hat, den Stoff Cannabidiol (CBD) – ein Bestandteil von Cannabis – nicht international als kontrollierten Stoff zu erfassen, sind die Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten zum Einsatz von Cannabis in der Medizin sehr unterschiedlich.

Presseschau: Neubewertung von Cannabis der WHO (taz)

Die WHO hat Cannabis neu bewertet und empfiehlt der UNO, die Einstufung von Cannabis in den internationalen Drogenkonventionen zu ändern.

Neubewertung von Cannabis der WHO

Das Expertenkomitee für Drogenabhängigkeit (Expert Committee on Drug Dependence – ECDD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) tagte vom 12. bis 16. November 2018 in Genf. Auf dieser 41. Sitzung wurde vornehmlich über den Schaden, den der Konsum von Cannabis anrichten kann wie auch den Nutzen, den Cannabis als Medikament für die Patienten haben kann, diskutiert. Grundlage der Diskussion war der Bericht der 40. Sitzung des selben Expertenkomitees. Die 40. Sitzung fand vom 4. bis 7. Juni in Genf statt, wobei dort die Aspekte der verschiedenen Cannabinoide ausführlich diskutiert wurden.

Auf der 41. Sitzung des Expertenkomitees wurden Empfehlungen für eine Neubewertung von Cannabis ausgearbeitet, die in dem Anhang 1 zum protokolarischen Bericht der Sitzung zusammengefasst sind. Darin werden Umstufungen von Cannabis in verschiedenen Tabellen des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) von 1961 empfohlen sowie die Entfernung von delta-9-Tetrahydrocanabinol (THC) aus der Konvention über psychotrope Substanzen von 1971.

Tabellen des Einheitsabkommens
Das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel listet Drogen in vier kontinuierlich aktualisierten Tabellen auf, die die Verkehrsfähigkeit in unterschiedlichem Maß einschränken so wie etwa die Anlagen I bis III zu § 1 Abs. 1 Betäubungsmittelgesetz in Deutschland. Diese Beschränkungen nehmen von Tabelle I (starke Beschränkungen) bis Tabelle III (eher moderate Beschränkungen) ab. Tabelle IV (extrem starke Beschränkungen) bildet eine Teilmenge von Tabelle I und nimmt einen Sonderstatus ein. Die in ihr aufgeführten Substanzen und Zubereitungen sind generell nicht verkehrsfähig und somit auch als Arzneimittel nicht zulassungsfähig. Die Reihenfolge von extrem restriktiv bis am wenigsten restriktiv lautet: Tabelle IV, Tabelle I, Tabelle II, Tabelle III.
Empfehlungen des WHO-Expertenkomitees

Das Expertenkomitee kam zu dem Schluss, dass die Aufnahme von Cannabis und Cannabisharz in Anhang IV des Einheitsabkommens nicht im Einklang mit den Kriterien für Stoffe ist, die für eine Aufnahme Anhang IV vorgesehen sind. Daraus folgte die erste Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt Cannabis und Cannabisharz aus der Tabelle IV des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel von 1961 zu streichen.

Die wichtigste psychoaktive Substanz in der Cannabispflanze ist eine der vier Stereoisomere von delta-9-Tetrahydrocannabinol. Diese Substanz hat therapeutische Zwecke und ist auch unter dem Namen Dronabinol bekannt. Dronabinol befindet sich derzeit in Tabelle II des Übereinkommens über psychotrope Substanzen von 1971. Tabelle II beinhaltet Stoffe mit eingeschränktem therapeutischen Nutzen wie Amphetamin, Phencyclidin (PCP) und Dronabinol. Nach dem heutigen Wissenstand trifft die Definition „mit eingeschränktem therapeutischen Nutzen“ nicht mehr zu, da ein therapeutischer Nutzen erwiesen ist. Aus dieser Erkenntnis erfolgte die zweite Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt Dronabinol und seine Stereoisomere (delta-9-Tetrahydrocannabinol) in Anhang I des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel von 1961 einzugliedern. Das Expertenkomitee empfiehlt zudem die Streichung von Dronabinol und von seinen Stereoisomeren (delta-9-Tetrahydrocannabinol) aus Tabelle II des Übereinkommens von 1971 über psychotrope Stoffe, vorbehaltlich der Annahme der Empfehlung Dronabinol und seine Stereoisomere (delta-9-Tetrahydrocannabinol) in Tabelle I des Einheitsabkommens von 1961 einzugliedern.

In Tabelle I des Übereinkommens von 1971 über psychotrope Stoffe sind Substanzen aufgeführt, die angeblich überhaupt keinen medizinischen Nutzen haben wie beispielsweise LSD, Psilocybin und MDMA. Heute weiß man, dass diese Substanzen sehr wohl einen medizinischen Nutzen haben und deshalb ist auch hier eine Anpassung an den heutigen Wissensstand nötig. Wie dem auch sei, in dieser Tabelle I sind auch sechs Isomere von Dronabinol aufgelistet. Diese sechs Isomere ähneln chemisch dem delta-9-Tetrahydrocannabinol, das derzeit in Tabelle II des Übereinkommens von 1971 über psychotrope Stoffe aufgeführt ist. Das Expertenkomitee hat jedoch empfohlen, delta-9-Tetrahydrocannabinol aus dieser Liste zu streichen und in Tabelle I des Einheitsabkommens von 1961 einzugliedern. Obwohl diese sechs Isomere dem delta-9-Tetrahydrocannabinol chemisch sehr ähnlich sind, gibt es nur sehr wenige Beweise bezüglich des Missbrauchspotenzials und der akuten berauschenden Wirkungen dieser Isomere. Es gibt keine Berichte, dass die in Anhang I der Konvention von 1971 aufgelisteten THC-Isomere eine physische Abhängigkeit hervorrufen. Aus dieser Erkenntnis erfolgte die dritte Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt Tetrahydrocannabinol (bezogen auf die sechs in Tabelle I des Übereinkommens von 1971 aufgelisteten Isomere von THC) in Tabelle I des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel von 1961 einzugliedern, sofern die Empfehlung zur Eingliederung von Dronabinol in diese Tabelle I angenommen wurde.

Das Expertenkomitee hat erkannt, dass der Begriff „Extrakte und Tinkturen von Cannabis“ gemäß dem Übereinkommen über Betäubungsmittel von 1961 verschiedene Zubereitungen umfasst, die teilweise psychoaktiv wirken und teilweise dies nicht tun. Das Expertenkomitee hat erkannt, dass die Variabilität betreffend psychoaktive Eigenschaften dieser Zubereitungen hauptsächlich auf unterschiedlichen Konzentrationen von delta-9-Tetrahydrocannabinol beruhen. Cannabisextrakte und Tinkturen ohne psychoaktive Eigenschaften, darunter überwiegend Cannabidiol (CBD), das vielversprechende therapeutische Anwendungen hat, gehören deshalb nicht zum Kontext des Übereinkommens über Betäubungsmittel von 1961. Aus dieser Erkenntnis erfolgte die vierte Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt Extrakte und Tinkturen von Cannabis aus der Tabelle I des Übereinkommens über Betäubungsmittel von 1961 zu streichen.

Auf seiner 40. Sitzung prüfte das Expertenkomitee für Drogenabhängigkeit der WHO Berichte über die Wirkung von Cannabidiol und empfahl, das reines Cannabidiol nicht unter die Kontrollmaßnahmen der internationalen Abkommen zu stellen. Cannabidiol kommt in Cannabis und Cannabisharz vor, hat aber keine psychoaktive Eigenschaften und hat kein Missbrauchspotenzial und kein Abhängigkeitsvermögen. Es hat keine signifikanten negativen Auswirkungen. Cannabidiol hat sich bei der Behandlung von Krankheiten wie Epilepsie als wirksam erwiesen. Es wurde für diese Verwendung in den Vereinigten Staaten im Jahr 2018 als Medikament zugelassen und derzeit wird die Zulassung in der EURopäischen Union geprüft. Aus dieser Erkenntnis erfolgte die fünfte Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt der Tabelle I des Übereinkommens über Betäubungsmittel von 1961 eine Fußnote mit dem folgenden Text hinzuzufügen: „Zubereitungen mit überwiegend Cannabidiol und nicht mehr als 0,2 Prozent delta-9-Tetrahydrocannabinol fallen nicht unter die internationale Kontrolle.“

Derzeit zugelassene Arzneimittel mit delta-9-Tetrahydrocannabinol als einzigem Wirkstoff werden (halb)synthetisch hergestellt wie zum Beispiel Marinol und Syndros. In der Zukunft ist es auch möglich, Zubereitungen mit gleichwertigen Eigenschaften aus Cannabis herzustellen, die die gleichen Mengen von delta-9-Tetrahydrocanabinol beinhalten. Die therapeutischen Wirkungen unterscheiden sich nicht. Es sind keine nachteilige Auswirkungen von aus der Cannabispflanze gewonnenes delta-9-Tetrahydrocanabinol im Vergleich zu (halb)synthetisch hergestelltem delta-9-Tetrahydrocanabinol bekannt.

Um den Zugang zu diesen Arzneimitteln nicht zu behindern und unter Bezugnahme auf Artikel 3.4 des Übereinkommens über Betäubungsmittel von 1961 erfolgte die sechste Empfehlung:

Das Expertenkomitee empfiehlt, dass Zubereitungen mit delta-9-Tetrahydrocannabinol (Dronabinol), die entweder durch chemische Synthese oder als Zubereitungen von Cannabis, die als pharmazeutische Produkte mit einem oder mehreren anderen Inhaltsstoffen zusammengesetzt sind, und von solcher Beschaffenheit sind, dass delta-9-Tetrahydrocannabinol (Dronabinol) nicht mit leicht verfügbaren Mitteln extrahiert oder in anderer Weise eine Ausbeute gewonnen werden kann, in Tabelle III (Tabelle mit den geringsten Restriktionen) des Übereinkommens über Betäubungsmittel von 1961 aufgenommen werden, da sie unter den gegebenen Bedingungen kein Risiko für die öffentliche Sicherheit darstellen.

Resonanz bei Verbänden und Medien
Gibt man in eine Suchmaschine wie Google oder Bing die Suchbegriffe „WHO“ und „Cannabis“ ein, dann werden einem diverse Treffer zu Fachverbänden und Fachzeitschriften angezeigt. So schreibt der Deutsche Hanfverband (DHV) unter dem Titel Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Neuklassifizierung von Cannabis, dass die Weltgesundheitsorganisation den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen eine Neuklassifizierung von Cannabis empfehle, die den Umgang mit Cannabis grundlegend verändern und insbesondere die medizinische Nutzung erleichtern würde. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe der WHO habe zuvor die Risiken von Cannabis, THC und CBD untersucht und sei zu dem Schluss gekommen, dass die Risiken die aktuelle Einstufung nicht rechtfertigen. Gleichzeitig sei ein medizinischer Nutzen von Cannabis anerkannt worden.

Leafly fasst die Ergebnisse unter dem Titel Cannabis-Neubewertung: Erste Ergebnisse liegen vor wie folgt zusammen: Cannabisblüten und Cannabisharz sollen nicht mehr als gefährliche Stoffe eingestuft werden, die keinen medizinischen Wert besitzen. Dronabinol und Tetrahydrocannabinol sollen nicht mehr als psychotrope Substanzen, sondern als Betäubungsmittel eingestuft werden. Cannabidiol (CBD) ist nicht gefährlich und kann therapeutisch wertvoll sein. CBD-Extrakte, die bis zu 0,2 Prozent THC enthalten, sollen dereguliert und am Markt frei erhältlich sein.

Das Hanf Journal schreibt unter dem Titel WHO empfiehlt Neubetrachtung von Cannabis, dass die WHO eine Herabstufung von Cannabispflanzen sowie den Harzen der Gewächse aus der Kategorie IV auf Stufe I, in welcher nur die weniger gefährlichen Substanzen aufgelistet sind, fordere. Klar ausgesprochen werde von der WHO auch, dass Cannabidiol – kurz CBD – sowie Produkte mit dem Wirkstoff nicht unter internationaler Kontrolle stünden, solange sie den THC-Wert von 0,2 Prozent nicht überschreiten würden, was etwas Klarheit über den argwöhnisch beäugten Handel mit rauschfreien Blüten und Nahrungsergänzungsmitteln schafft.

Treffer zu den bekannten Massenmedien wurden bei den Suchmaschinen keine angezeigt – einzige Ausnahme: wallstreet-online. Wallstreet berichtet unter dem Titel Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Neuklassifizierung von Cannabis, dass eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe der WHO zuvor die Risiken von Cannabis, THC und CBD untersucht habe und zu dem Schluss gekommen sei, dass die Risiken die aktuelle Einstufung nicht rechtfertigen. Neben dem Artikel wird der Aktienkurs eines bekannten Unternehmens aus der Hanfbranche angezeigt. Der Kurs von Aurora Cannabis ist innerhalb der letzten vier Wochen von knapp 6,00 EURo auf 9,70 EURo gestiegen.

Ein Treffer zur Seite der Drogenbeauftragten Marlene Mortler wurde von den Suchmaschinen auch angezeigt. Dieser führte zu einer Pressemitteilung, die unter dem Titel Aktuelle WHO-Studie zum Thema Cannabiskonsum veröffentlicht wurde. Die Pressemitteilung ist jedoch nicht aktuell, sondern darin wird von einer internationalen Expertenkommission unter Vorsitz des schwedischen Gesundheits-und Sozialministers berichtet, die im April 2015 tagte, um die Forschungsergebnisse bezüglich der Auswirkungen auf den Menschen bei Cannabiskonsum – sowohl psychisch als auch gesamtgesundheitlich betrachtet – zusammen zu tragen. Bemerkenswert an dieser Pressemitteilung ist, dass sie kein Veröffentlichungsdatum enthält. Nur wer aufmerksam die Seite betrachtet, kann in der Navigationsleiste sehen, dass diese Pressemitteilung um 2. Quartal 2016 veröffentlicht wurde. In der Übersicht zu den Pressemitteilungen aus dem Jahr 2016 der Drogenbeauftragten kann man sehen, dass alle Pressemitteilungen ein Veröffentlichungsdatum haben, außer jener hier erwähnten, die zwischen dem 30. Mai 2016 und dem 7. Juni 2016 eingetragen ist. Wurde hier das Datum entfernt, um die Relevanz bei Suchmaschinen zu manipulieren?

Presseschau: "In drei Jahren wird Cannabis in Schweizer Apotheken verkauft" (Swissinfo, Schweiz)

Die Schweiz will mehr Bürgern einen Zugang zu einer Therapie mit Cannabis eröffnen.

"In drei Jahren wird Cannabis in Schweizer Apotheken verkauft"

Zehntausende von Patienten in der Schweiz verwenden Cannabis, um ihre Schmerzen und Beschwerden zu lindern. Aber die meisten von ihnen tun es illegal. Laut Rudolf Brenneisen, einem der führenden Schweizer Experten für therapeutischen Hanf, ist dies eine untragbare Situation. Er hofft, dass die "verbotene Pflanze" in Apotheken verkauft wird.

Die Schweiz gilt als Pionierin im Bereich der Drogenpolitik. Vor 25 Jahren startete sie ein Projekt zur medizinischen Verschreibung von Heroinexterner Link, und ihr so genanntes Viersäulen-Prinzipexterner Link wurde von vielen anderen Ländern übernommen.

Ein progressiver Ansatz, der jedoch bei medizinischem Cannabis nicht übernommen wurde, sagt Rudolf Brenneisen, Vorsitzender der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin (SACMexterner Link) und ehemaliger Berater des Labors der Vereinten Nationen für Betäubungsmittel.

swissinfo.ch: Was ist Cannabis für Sie: eine zu verbietende Droge oder ein zu legalisierendes Medikament?

Rudolf Brenneisen: Cannabis ist eine Pflanze mit grossem therapeutischem Potenzial. Man muss klar unterscheiden zwischen Cannabis als Freizeitdroge und Cannabis für medizinische Zwecke. Letzteres hätte meiner Meinung nach in der Schweiz schon seit Langem legalisiert werden sollen.

Bei welchen Beschwerden oder Krankheiten kann Cannabis helfen?

Hanf kann Spasmen reduzieren, die durch Multiple Sklerose verursacht werden. Oder auch Krämpfe und chronische Schmerzen wie Migräne. Manche Tests in Laboren suggerieren, dass Cannabis, und im Besonderen CBD [Cannabidiol, einer der Wirkstoffe der Pflanze, A.d.R.], zum Kampf gegen Krebszellen beiträgt. Cannabis kann auch Epilepsie-Anfälle reduzieren.

Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus?

Es handelt sich meist um harmlose Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, ein leichter Anstieg der Herzfrequenz oder ein leichtes Schwindelgefühl. Bisher wurden keine Schäden an den inneren Organen gemeldet. Zum Vergleich: Die Nebenwirkungen von Aspirin können ernster sein. Abhängig von der Dosierung und dem THC-Gehalt (der psychoaktiven Substanz von Cannabis) kann es natürlich zu einer psychotropen Wirkung kommen.

Cannabis scheint also ein Wundermittel zu sein…

Das sagen viele Patienten, aber so ist es nicht. Hanf ist kein Wundermittel und kein Ersatz für Morphium. Wir bekämpfen die Stigmatisierung von Cannabis, aber auch seine Verherrlichung.

Es ist richtig, über die positiven Wirkungen zu sprechen, aber ohne die schädlichen zu verschweigen. An einem kürzlich vom SACM organisierten internationalen Kongress in Bern zum Beispiel wurden die bei einigen starken Cannabis-Rauchern beobachteten heftigen Brechattacken diskutiert, ein Aspekt, der völlig unterschätzt worden war. Es sei auch darauf hingewiesen, dass intensiver Cannabiskonsum in der Pubertät die Gehirnentwicklung beeinträchtigen kann.

Der Joint ist jedoch nicht die beste Form, um Cannabis für therapeutische Zwecke zu konsumieren…

Seit Jahren fragen wir uns, wie wir den Wirkstoff am besten in den Körper bringen können. Ein Joint ist aus pharmakologischer Sicht sicherlich nicht das, was wir wollen, obwohl er eine sehr verbreitete Form von Selbstmedikation ist.

Auch die Einnahme von Tabletten ist nicht indiziert, da 80-90% des THC von der Leber zerstört wird. Deshalb müssen wir Alternativen finden. Zum Beispiel über die Mundschleimhaut, Nase oder Haut. Das Oralspray Sativex ist derzeit das einzige in der Schweiz zugelassene Medikament auf Cannabis-Basis. Im Ausland werden neue Produkte auf Basis der Nanotechnologie entwickelt, die im Unterschied zu Sativex alle in der Pflanze vorhandenen Substanzen enthalten. Die grösste Herausforderung ist jedoch eine andere.

Nämlich?

Ein Grossteil der verfügbaren Informationen über Hanf stammt aus Studien, die mit einer kleinen Anzahl von Menschen oder direkt an Patienten und Patientinnen durchgeführt wurden. Es fehlen gross angelegte klinische Studien mit 100 oder 200 Patienten und Patientinnen.

Wie ist es möglich, dass die Forschung noch nicht fortgeschritten ist, wenn man bedenkt, dass Cannabis eine seit Jahrtausenden bekannte und in der Gesellschaft sehr verbreitete Pflanze ist?

Klinische Studien sind sehr teuer. Für Sativex wurden 100 Millionen EURo investiert. Wegen der Stigmatisierung von Hanf fürchten grosse Pharmaunternehmen zudem um ihr Image, was ich für unsinnig halte.

Auch die Tatsache, dass die Cannabispflanze nicht patentierbar ist, spielt eine Rolle. Allerdings ist die Branche sehr präsent, und es gibt einen starken Wettbewerb, um hanfbasierte Medikamente auf den Markt zu bringen.

Vielleicht sollten wir uns von den Prinzipien der klassischen Medizin entfernen, nach denen alles bewiesen werden muss, und akzeptieren, was die Patienten erzählen. Bedeutungsvoll ist der Fall eines Kindes in den Vereinigten Staaten, das unter dem Dravet-Syndrom leidet und Hunderte von epileptischen Anfällen pro Tag hatte. Ein kanadischer Hanfpionier schlug den Eltern ein CBD-Präparat in Reinform vor. Das Kind wurde nicht geheilt, aber sein Zustand hat sich deutlich verbessert und heute kann es Sport treiben und zur Schule gehen. Das Medikament wurde in Rekordzeit zugelassen und wird in Kürze in der Schweiz erhältlich sein. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die auf der Erfahrung eines einzelnen Patienten basiert.

In der Schweiz gibt es Patienten mit chronischen Schmerzen oder einer schweren Krankheit, die sich mit Hanf behandeln. Welche Möglichkeiten haben sie?

Wer Glück hat, hat einen Hausarzt, der sich des Potenzials von Cannabis bewusst ist oder der zumindest nicht aus moralischen Gründen gegen Cannabis ist. Der Arzt muss eine Ausnahmegenehmigung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) einholen. Das Verfahren kann drei bis vier Wochen dauern.

Das Problem ist, dass nur eine kleine Anzahl von Patienten diesem Weg folgt, den viele für zu kompliziert halten. Die meisten Patienten und Patientinnen entscheiden sich daher für die Selbstmedikation, d.h. sie bauen zu Hause Hanf an oder beziehen es auf der Strasse, was illegal ist. Das ist untragbar.

Die Schweiz ist international anerkannt für ihre Vorreiterrolle in der Drogenpolitik. Man denke nur an die kontrollierte Abgabe von Heroin. Warum passiert nicht dasselbe beim therapeutischen Hanf?

In den 1990er-Jahren war das Problem der Drogenabhängigkeit ein Thema, das jeden interessierte. In der Umgebung des Bundeshauses in Bern [Sitz von Schweizer Regierung und Parlament] und im Zentrum von Zürich gab es eine offene Drogenszene. Der Druck von Politik und Bevölkerung war enorm: Es musste etwas getan werden.

Einen solchen Druck gibt es für Hanf nicht. In der Schweiz sieht man keine heruntergekommenen Raucher auf der Strasse herumtorkeln, und der Druck der Patienten ist noch zu schwach. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Die Bevölkerung und ein Grossteil der politischen Welt sind für therapeutischen Hanf.

Der Zürcher Apothekerverband möchte Hanf in Apotheken anbieten, auch für Genusszwecke. Ist das der richtige Weg?

Therapeutischer Hanf sollte in Apotheken angeboten und dort von kompetenten Personen abgegeben werden. Man sollte nicht ganze Blütenstände verkaufen, deren Zusammensetzung auch bei derselben Pflanze variieren kann, sondern ausgezeichnete homogenisierte Lösungen. Wie jedes Medikament muss auch Hanf von hoher Qualität sein. Es sollte überhaupt nicht in Kiosken oder Hanfgeschäften verkauft werden, wie es heute bei dem sogenannten "Cannabis light" der Fall ist.

Cannabis für den Freizeitkonsum hingegen sollte in Clubs abgegeben werden, in denen es Altersbeschränkungen, ein Mitgliedschaftssystem und eine Qualitätskontrolle gibt.

Was sagt das Gesetz?

Anbau, Konsum und Handel mit Cannabis, deren THC-Gehalt über 1% liegt, sind in der Schweiz verboten (in der EURopäischen Union liegt der Grenzwert bei 0,2%). Das neue Betäubungsmittelgesetzexterner Link, das seit 2011 in Kraft ist, sieht eine kontrollierte Verwendung von Hanf für medizinische Zwecke vor. Dafür braucht es eine Ausnahmebewilligung vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Dieses Verfahren "verzögert jedoch den Behandlungsstart und erschwert den Zugang", so die Schweizer Regierungexterner Link, die bedürftigen Patienten den Zugang zu Cannabis für medizinische Zwecke erleichtern will. Ein entsprechender Vorentwurf wird bis zum Sommer vorgelegt.

Mehrere Länder haben die medizinische Verwendung von Hanf legalisiert. Von welchem Modell könnte sich die Schweiz inspirieren lassen?

Ich glaube nicht, dass wir das amerikanische Modell tel quel übernehmen können, wo man ab 21 Jahren Hanf kaufen kann, unabhängig vom Verwendungszweck. Das deutsche System, das es Patienten erlaubt, Hanf rezeptpflichtig in einer Apotheke zu kaufen, scheint mir eine gute Idee zu sein. Ich bin sicher, dass dies in der Schweiz innerhalb von drei Jahren auch so sein wird.

Im Idealfall sollte Hanf in der Schweiz produziert werden, nicht zuletzt, um die Probleme des grenzüberschreitenden Transports zu vermeiden. Um die Forschung zu fördern und zu koordinieren, wäre es sinnvoll, ein Hanfinstitut zu schaffen, wie eines in den Niederlanden existiert.

Ein ehemaliger Kollege, mit dem ich bei der UNO zusammengearbeitet habe und der für die Drogenabteilung zuständig ist, sagte mir, dass die Schweiz wie beim Heroin weiterhin eine Vorreiterrolle spielen sollte. Ich frage mich, warum nicht?

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Wundermittel CBD? Cannabis wird für Händler zum grünen Gold (Berliner Morgenpost)

Israel erlaubt Export von Cannabis (zdp.de)

Cannabis auf Rezept – wenn das rettende Medikament in den Ruin treibt (Stern.de)

Wie Israel zur Supermacht des Cannabis aufsteigen will (Welt.de)

Hanfapotheke und Café (Süddeutsche Zeitung)

Ein Joint zum Vermehren? (Der Tagesspiegel)


ACM-Mitteilungen vom 26. Januar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt Bestrebungen innerhalb der EURopäischen Union, den Zugang von CBD außerhalb von Apotheken zu erschweren. CBD-Extrakte sind in einigen Drogerie-Märkten und im Internet verfügbar. Das stört angesichts des großen Marktes und damit der möglichen Gewinne die Apothekerverbände. In einem Interview mit dem Mannheimer Morgen erklärt Professor Derik Hermann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, warum CBD nach seiner Auffassung in der Tat auch ein Nahrungsergänzungsmittel darstellt und auch so behandelt werden sollte.

Eine neue Studie, nach der ein sehr geringer Konsum von Cannabis im Jugendalter zu langzeitigen Schäden führen kann, hat die Diskussion zu den möglichen Schäden von Cannabis bei Kindern und Jugendlichen neu entfacht. Solche Schäden hätten auch Konsequenzen für den medizinischen Einsatz von Dronabinol oder anderen cannabisbasierten Medikamenten bei jungen Patienten. Wenige Forscher finden die Ergebnisse alarmierend, während andere von der Aussagekraft der Studie nicht überzeugt sind.

Viel Spaß beim Lesen!
Franjo Grotenhermen

Presseschau: Ministerium: Cannabis-Prüfaufwand in der Apotheke ist Ländersache (Deutsche Apotheker Zeitung)

Medizinalcannabisblüten gelten in den meisten Bundesländern als Rezepturarzneimittel, sodass die Apotheker gemäß der Arzneimittelpreisverordnung 90 bzw. 100 % auf den Einkaufspreis aufschlagen müssen. Schleswig-Holstein betrachtet diese Blüten als Fertigarzneimittel. Wenn andere Bundesländer diese Sichtweise übernehmen würden, würden die aktuell hohen Preise von 20-25 € pro Gramm deutlich reduziert werden können.

Ministerium: Cannabis-Prüfaufwand in der Apotheke ist Ländersache

Da Cannabisblüten als Rezepturausgangsstoff gelten, verursachen sie in Apotheken einen enormen Arbeitsaufwand. Nun soll das Honorar gekürzt werden. Wie könnten die Pharmazeuten im Gegenzug entlastet werden? Danach hatte sich die FDP-Bundestagsfraktion in einer kleinen Anfrage erkundigt. Das BMG verweist in seiner Antwort auf die Zuständigkeit der Länder. Und auf Länderebene bestehen in der Tat Unterschiede. So betrachtet Schleswig-Holstein holländische Blüten als Fertigarzneimittel. Wie ist das möglich?

Der gleiche Arbeitsaufwand für deutlich weniger Geld – auf diese ungünstige Bilanz könnte es für Apotheker beim medizinischen Cannabis hinauslaufen. Denn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will mit dem Entwurf zum Gesetz für Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) die Medizinalhanfkosten um 25 Millionen EURo – also um die Hälfte – senken. Dies würde bedeuten, dass die Apotheker für die Verarbeitung und Prüfung der Blüten kaum noch vergütet werden. Vorschläge für Arbeitserleichterungen sieht der GSAV-Entwurf allerdings nicht vor.

Weil Cannabisblüten als Rezepturausgangsstoff behandelt werden, muss deren Identität geprüft werden. Das Arzneibuch nennt dazu die organoleptische, mikroskopische und dünnschichtchromatographische (DC) Prüfung. Insbesondere die DC kann wertvolle Beratungszeit kosten, davon hatte sich DAZ.online jüngst ein Bild gemacht.

Wie könnten Apotheker entlastet werden?
Wie aufwendig die Versorgung von Cannabispatienten in der Apotheke ist, davon hatte sich im November des vergangenen Jahres der drogenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Wieland Schinnenburg, in einer Berliner Apotheke überzeugen können. In einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung erkundigte sich Schinnenburg kürzlich, wie die Apotheker entlastet werden könnten. Beispielsweise, ob sich der Prüfaufwand bundesweit in Apotheken reduzieren ließe.

Hessen verzichtet auf DC
Beim Prüfaufwand gibt es länderspezifische Ausnahmen. So hat das Regierungspräsidium Darmstadt entschieden, dass die Apotheken in Hessen auf die DC verzichten können, wenn ihnen ein Analysenzertifikat vom Hersteller vorliegt. Lässt sich diese Auffassung eigentlich auf andere Bundesländer übertragen?

Die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) klärt diesen Punkt nicht. So schreibt die parlamentarische Staatssekretärin Sabine Weiss (CDU) hierzu: „Die Prüfung hat nach anerkannten pharmazeutischen Regeln zu erfolgen. Dabei können für die Prüfung unter bestimmten Voraussetzungen auch andere Methoden angewendet werden, als im Deutschen Arzneibuch beschrieben sind.“ Welche „bestimmten Voraussetzungen“ geeignet sind, erläutert das BMG nicht weiter.

Hauptfragesteller Schinnenburg ist mit den Ausführungen des BMG nicht zufrieden: „Die Bundesregierung bestätigt, dass die Abgabe von Medizinalcannabis für die Apotheken sehr aufwendig ist. Ihr ist aber die Situation in den einzelnen Bundesländern nicht bekannt und sie kann auch nicht sagen, was sie dagegen tun will.“

Länder entscheiden über Fertigarzneimittelstatus
Noch einfacher als in Hessen scheint es in Schleswig-Holstein zu sein. Hier gelten Blüten aus den Niederlanden als Fertigarzneimittel, wodurch die Prüfpflicht entfällt. Auch nach dieser Option, Cannabisblüten als Fertigarzneimittel einzustufen, hatte sich der der FDP-Gesundheitspolitiker erkundigt. Er hatte gefragt, in welchen Bundesländern dies der Fall sei und wie die Bundesregierung die Einstufung von Cannabisblüten als Fertigarzneimittel bewerte.

Hierzu verweist das BMG auf die Zuständigkeit der Länder. „Die Einstufung von Arzneimitteln als Fertigarzneimittel hängt vom jeweiligen Einzelfall ab. Sie obliegt den zuständigen Behörden der Länder. Der Bundesregierung liegen keine Kenntnisse vor, in welchen Ländern welche konkreten Arzneimittel als Fertigarzneimittel eingestuft werden“, schreibt Weiss.

Schinnenburg: erst Arbeitserleichterung, dann Honorarkürzung
Eine Bestrebung, die Regelungen auf Bundesebene zu vereinfachen, besteht offenbar nicht. Der FDP-Politiker Schinnenburg bemängelt, dass die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf sieht: „Die Bundesregierung trägt eine erhebliche Mitverantwortung daran, dass die Abgabe von Medizinalcannabis durch Apotheken aufwendig und damit teuer ist. Ich fordere Minister Spahn auf, umgehend für eine Vereinfachung und Vereinheitlichung in allen Bundesländern zu sorgen: Er muss erreichen, dass Medizinalcannabis wie ein Fertigarzneimittel behandelt wird oder zumindest eine vereinfachte Prüfung ausreicht. Keinesfalls darf lediglich der Apothekenzuschlag gekürzt werden. Eine solche Kürzung ist nur möglich, wenn auch der Aufwand reduziert wird.“

Der „Schleswig-Holsteinische“ Weg
Eine bundeseinheitliche Regelung zur Entlastung der Apotheker könnte auch dazu beitragen, dass die Sparpläne des Ministers Erfolg haben. Zwar hat Spahn eine klare Vorstellung von der Höhe der Einsparungen. Doch der GKV-Spitzenverband und der Deutsche Apothekerverband (DAV) sollen sich auf die Senkung der Zuschläge durch Verhandlung „einigen". Und beide Parteien streiten darüber schon seit Monaten ergebnislos.

Könnten die oben beschriebenen länderspezifischen Ausnahmen als Inspirationsquelle für eine bundeseinheitliche Regelung dienen? Die größte Arbeitserleichterung beim Cannabis scheinen ja die Apotheker in Schleswig-Holstein zu haben, wo Blüten aus Holland als Fertigarzneimittel gelten. Wie funktioniert das eigentlich in Schleswig-Holstein? DAZ.online hat nachgefragt.

Bei der Einstufung von holländischen Blüten als Fertigarzneimittel bezieht sich Schleswig-Holstein auf die Regelung zum Einzelimport im Arzneimittelgesetz (§ 73 Abs. 3 AMG). So erklärt ein Sprecher des dortigen Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren gegenüber DAZ.online: „Getrocknete Cannabisblüten für medizinische Zwecke dürfen auf Vorlage einer ärztlichen Verordnung aus den Niederlanden eingeführt werden. Dabei handelt es sich um in den Niederlanden verkehrsfähige Produkte, die entweder auf Basis des § 73 Abs. 3 AMG von einer Apotheke nach Deutschland verbracht und direkt (ohne Be- oder Verarbeitung) an den Patienten abgegeben werden (im Sinne des § 4 AMG ein Fertigarzneimittel) oder in der Apotheke weiter verarbeitet werden, um daraus ein Rezepturarzneimittel herzustellen.“

Weshalb nur für niederländische Blüten?
Und was ist mit Blüten aus Kanada? Diese fallen für das Landesministerium zwar in die Kategorie Arzneimittel, jedoch nicht unbedingt als Fertigarzneimittel: „Medizinalcannabis aus Kanada wird i.d.R. für die weitere Verarbeitung (u.a. physikalische Bearbeitung und Konfektionierung) in Herstellungsbetrieben oder in Apotheken nach DE importiert. Da dieses noch nicht in einer an den Patienten abgabefähigen Form und Verpackung vorliegt, handelt es sich noch nicht um ein Fertigarzneimittel.“

Ist die fehlende Zulassung ein Problem?
Bei näherer Betrachtung stellen sich noch weitere Fragen. So haben Cannabisblüten keine Arzneimittelzulassung beim BfArM beziehungsweise der EMA. Wie kann ein Fertigarzneimittel ohne Zulassung in Deutschland verkehrsfähig sein? Dazu beruft sich das Land Schleswig-Holstein auf die Regelung im SGB V, im sogenannten Cannabisgesetz: „Aufgrund der bisher nicht ausreichenden klinischen Datenlage wurde für getrocknete Cannabisblüten noch keine Zulassung erteilt. Um trotz dessen eine Versorgung von schwerkranken Patienten mit Cannabisblüten für medizinische Zwecke zu ermöglichen, wurde vom Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, unter bestimmten Voraussetzungen nicht zugelassenen Medizinalcannabis ärztlich zu verordnen.“

Und wie steht eigentlich die Bundesoberbehörde zu dem „Schleswig-Holsteinischem“ Weg? Auch hier ein Verweis auf die Länderzuständigkeit. Das BfArM könne sich nicht zur Überwachung durch die Landesbehörden äußern, erklärte ein Sprecher gegenüber DAZ.online.

Presseschau: „Man sollte es in der Drogerie kaufen können“ (Mannheimer Morgen)

CBD ist in Deutschland seit Oktober 2016 apothekenpflichtig. Auf EURopäischer Ebene wird diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen, CBD weiterhin auch als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden darf. In einem Interview sieht Suchtforscher Derik Hermann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Cannabidiol als Nahrungsergänzungsmittel.

„Man sollte es in der Drogerie kaufen können“

In der Diskussion um Substanzen wie Cannabidiol (CBD) geht es um Klischees und juristische Einschätzungen. Im „MM“-Interview klärt Derik Hermann, Leitender Oberarzt am ZI, über Wirkung und Einsatzgebiete des Stoffes auf.

Herr Professor Hermann, weit verbreitet ist der Glaube, dass Cannabidiol im Vergleich zu Marihuana mit sehr hohem THC-Gehalt für Körper und Sinne nicht gefährlich sei – stimmt das?

Derik Hermann: Das kann ich absolut so bestätigen. CBD wirkt nicht psychotrop, das heißt, es macht nicht high. Es ist zwar ein Bestandteil der Cannabis-Pflanze, hat aber mit der Droge Cannabis ebenso wenig zu tun wie die rund 50 weiteren Cannabinoide in der Pflanze.

Wenn die vergleichbar geringe Wirkung medizinisch dokumentiert ist: Sollte der Stoff frei verkäuflich sein?
Hermann: Für mich ist Cannabidiol ein Nahrungsergänzungsmittel, das man frei verfügbar in der Drogerie kaufen können sollte. Denn verboten ist ja nicht die Cannabis-Pflanze als Ganzes, sondern der berauschende Wirkstoff THC.

Cannabidiol kommt auch in der psychiatrischen Behandlung von Depressionen und Angstzuständen zum Einsatz. Über welche Erfahrungen können Sie berichten?

Hermann: Ich habe eine Patientin mit einer Angsterkrankung, die eine Reihe anderer Medikamente erfolglos versucht hat und bei der CBD dann den Durchbruch brachte. Zuvor wurde sie drei Monate arbeitsunfähig geschrieben, zwei Wochen nach der rezeptierten Einnahme von CBD konnte sie wieder arbeiten gehen – ohne, dass größere Nebenwirkungen aufgetreten wären.

Inwiefern wirkt CBD im Körper anders als berauschende Substanzen, die in den THC-haltigen Pflanzen enthalten sind?

Hermann: Ich habe in Zusammenarbeit mit der Gerichtsmedizin in Heidelberg eine Studie gemacht, in der wir uns mit dieser Frage befasst haben. Das Ergebnis war sehr interessant. Denn wir haben sowohl bei THC- als auch bei CBD-Konsumenten Proben genommen und festgestellt, dass bei reinen THC-Konsumenten eine deutliche Schrumpfung im Hippocampus nachzuweisen war, der im Hirn für die Erinnerung zuständig ist. Hatten die Probanden aber auch CBD konsumiert, blieb diese Schrumpfung aus. Ein klarer Nachweis für die positive Wirkung von CBD, den auch Studien internationaler Kollegen belegen.

Was kann man tun, um für die Unterscheidung zwischen illegaler Droge und sinnvollem Medikament zu werben?

Hermann: Die großen Probleme sind Pauschalisierung und Unwissenheit. Was fehlt, ist die differenzierte Betrachtung. Auch die deutschen Ordnungsmächte und die Gesetzgebung haben es versäumt, für Klarheit zu sorgen. Gegenhalten kann man hier nur mit Fakten. Wer versteht, dass CBD bei Depressionen und Psychosen tatsächlich hilft, begreift auch, dass an der Substanz wirklich nichts Schlimmes zu finden ist.

Presseschau: Verändern schon wenige Joints das Gehirn? (Ärzte Zeitung)

Die Ärzte Zeitung berichtet über ein umstrittenes Forschungsergebnis, nachdem bereits ein bis zwei Cannabiszigaretten bei Jugendlichen zu dauerhaften Veränderungen des Gehirns führen könnten. Allerdings ist fraglich, ob hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. Ob die Veränderungen durch Cannabis verursacht werden, ist aber unklar.

Bei Hirnscans von Cannabis rauchenden Jugendlichen sind Abweichungen entdeckt worden. Ob die Veränderungen durch Cannabis verursacht werden, ist aber unklar.

Inzwischen gibt es reichlich Hinweise aus Tierexperimenten, wonach schon geringe Mengen Cannabis die Hirnentwicklung stören und Verhaltensauffälligkeiten begünstigen.

So wird vermutet, dass die Droge die endogene Cannabinioid-Neurotransmission in Strukturen wie Amygdala, Hippocampus, Striatum und Kleinhirn durcheinanderbringt – in solchen Strukturen wurden häufig veränderte Volumina der grauen Substanz bei Cannabiskonsumenten beobachtet.

Allerdings lassen sich diese Veränderungen bei Menschen nicht immer klar auf den Cannabiskonsum zurückführen, da Drogenkonsumenten häufig unterschiedliche legale und illegale Rausch- und Suchtmittel zu sich nehmen.

Zudem kann eine reverse Kausalität bestehen: So greifen Menschen mit bestimmten Hirnveränderungen oder einem hohen Risiko für psychische Störungen vielleicht eher zu Suchtmitteln als andere.

Bekannt ist der hohe Raucheranteil unter psychisch Kranken. Niemand geht jedoch davon aus, dass Rauchen psychisch krank macht, es wird eher angenommen, dass psychisch Kranke über den Nikotinkonsum Stress abbauen. Ähnliches könnte natürlich auch für Cannabis gelten. Insofern sind Assoziationen mit Hirnveränderungen und bestimmten Drogen immer mit Vorsicht zu betrachten.

Zeitliche Abfolge unklar
Eine EURopäische Studie mit großer deutscher Beteiligung kann nun jedoch ausschließen, dass die Hirnveränderungen dem Cannabiskonsum bei Jugendlichen vorausgehen: In einer Kohorte von 16-Jährigen fanden Forscher in Hirnscans Abweichungen bei neuen Cannabiskonsumenten, die bei einem Scan zwei Jahre zuvor noch nicht erkennbar waren.

Dies beweist zwar noch immer nicht, dass die Veränderungen durch den Cannabiskonsum verursacht wurden – möglich ist auch ein starkes Stressereignis, das sowohl Hirnvolumenveränderungen als auch den Wunsch nach Cannabis fördert. Es verstärkt aber Befürchtungen, wonach Cannabis für die sich verändernden Gehirne von Jugendlichen besonders gefährlich sein könnte.

In einer Zeit, in der die Droge zunehmend legalisiert wird, wäre es daher wichtig, die Risiken genau zu kennen, geben Forscher um Dr. Catherine Orr von der Universität in Burlington, USA, zu bedenken (J Neurosci 2019, 3375-17).

Für ihre Untersuchung konnten die Forscher Teilnehmer des EURopäischen IMAGEN-Projekts gewinnen, die in Befragungen einen Cannabiskonsum zugegeben hatten.

Für das Projekt werden rund 2400 junge Menschen seit ihrem 14. Lebensjahr regelmäßig untersucht, unter anderem über Hirnscans, Kognitions- und Verhaltenstests, Fragebögen zum Lebensstil sowie Blut- und Genanalysen. Damit wollen Forscher die Hirnentwicklung im Jugendalter besser verstehen. Befragt werden die Teilnehmer auch nach ihrem Drogenkonsum. Vier der acht Studienzentren liegen in Deutschland.

In einer ersten Analyse hatten die Forscher Daten von 46 Jugendlichen ausgewertet, die bei der ersten Befragung im Alter von 14 Jahren einen geringen Cannabiskonsum zugegeben hatten – sie hatten die Droge nach eigenen Angaben höchstens ein- oder zweimal probiert. Alle gaben zudem an, bislang keine weiteren illegalen Drogen genommen zu haben.

Höheres Volumen der grauen Substanz
Die Forscher um Orr verglichen nun die Hirnscans dieser Jugendlichen mit denen von Teilnehmern ohne Konsum illegaler Drogen. Dabei achteten sie darauf, dass möglichst alle anderen Faktoren wie Alter, Pubertätsstadium, Geschlecht, IQ, Alkohol- und Tabakkonsum oder sozioökonomischer Status übereinstimmten.

Letztlich fanden sie bei den Jugendlichen mit Cannabiskonsum ein höheres Volumen der grauen Substanz in temporalen Regionen wie Hippocampus, Amygdala und Striatum sowie im linken mittleren Gyrus temporalis.

Solche Veränderungen gingen in den Kognitions- und Verhaltenstests mit einem erhöhten Risikoverhalten, stärkeren Ängsten, einer psychomotorischen Verlangsamung sowie Defiziten beim logischen Denken einher. Auch wurden in späteren Analysen bei solchen Patienten höhere Werte auf Angstsymptomskalen beobachtet.

In einer zweiten Analyse werteten die Forscher Daten von 16-Jährigen aus, die inzwischen öfter Cannabis konsumiert hatten, bei der ersten Befragung mit 14 Jahren aber noch keinen Drogenkonsum angegeben hatten. Die MRT-Scans im Alter von 14 Jahren unterschieden sich hier nicht von solchen Jugendlichen, die sich in beiden Befragungen als abstinent auswiesen.

Die Veränderungen bei der grauen Substanz lassen sich also nicht schon vor dem Cannabiskonsum nachweisen. Wäre dies der Fall gewesen, hätte der Cannabiskonsum als Folge, nicht als Ursache der Veränderungen interpretiert werden können.

Umgekehrt konnten die Forscher allerdings auch nicht zeigen, dass der Konsum den Veränderungen vorausgeht, die zeitliche Abfolge und die Kausalität bleiben damit unklar.

Kaum praktische Relevanz?
Über die Auswirkungen der Volumenveränderungen lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Eine vergrößerte Amygdala könnte Angststörungen, Veränderungen im Belohnungssystem könnten die Suchtentwicklung begünstigen.

Die Forscher um Orr vermuten zudem, dass unter Cannabis die Hirnreifung und eine damit einhergehende relative Volumenreduktion in diesen Bereichen unterdrückt werden.

„Die Befunde sind in gesundheitspolitischer Hinsicht höchst alarmierend“, gab Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg in einer Stellungnahme zu bedenken. „Darüber hinaus müssen sämtliche präventive Bemühungen intensiviert werden, die geeignet sind, jeglichen Cannabiskonsum im Jugendalter zu verhindern.“

Etwas zurückhaltender beurteilt Professor Gerald Zernig, Leiter der Arbeitsgruppe Präklinische Suchtforschung an der Universität Innsbruck die Studie. „Leider ist aus dieser Arbeit nicht zu entnehmen, wie die bescheidenen Veränderungen des Verhaltens und Denkens im Alltag zu Buche schlagen. Mich würde auch sehr interessieren, wie sich dieser Marihuana-Effekt von einem entsprechenden Alkohol-Effekt in derselben Studienanordnung unterscheidet. In der aktuellen Studie hatten sowohl die THC-Konsumenten als auch die THC-Abstinenten Alkohol konsumiert.“

Presseschau: Die Regeln sollen gelockert werden (SRF, Schweiz)

Am 19. Januar 2019 fand eine Tagung der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoide in der Medizin (SACM) mit großer Beteiligung statt. Das Interesse bei Ärzten und Patienten, aber auch in der Politik, den Zugang zu einer Behandlung mit Cannabis und Cannabinoiden zu erleichtern, wächst.

Die Regeln sollen gelockert werden

Die Cannabis-Pflanze enthält wertvolle Inhaltsstoffe, beispielsweise Dronabinol. Dieser Wirkstoff kann bei Patienten zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Doch abgesehen davon, dass meist die Patienten selber das teure Medikament zahlen müssen, bestehen einige bürokratische Hürden.

Kompliziertes Bewilligungsverfahren
«Heute ist es so, dass der Patient einen Arzt finden muss, der ihm ein Cannabis-Präparat verschreiben möchte», so Manfred Fankhauser. Der Apotheker aus Langnau i.E. hat hunderte von Patienten, die er mit Cannabis-Medikamenten versorgt. Eine Ausnahme, denn nicht nur für die Apotheken ist es laut Fankhauser aufwändig. «Der Arzt muss den Umweg gehen, dass er ein Ausnahmegesuch stellen muss beim Bundesamt für Gesundheit. Die prüfen das. Und erst wenn die ihren Segen geben, kann der Patient das Cannabisprodukt erhalten.»

Auch für das Bundesamt für Gesundheit ist das jetzige Verfahren mit den Ausnahmebewilligungen sehr aufwändig. Markus Jann, Leiter Vollzug beim Bundesamt für Gesundheit, begründet das jetzige Verfahren.

«Cannabis ist eine Rauschdroge und unterliegt deshalb einem umfassenden Verbot und das betrifft eben auch die medizinische Verwendung», sagt Jann. Und weiter: «Seit der letzten Revision des Betäubungsmittelgesetzes ist es zwar grundsätzlich möglich, Cannabis als Arzneimittel zu verschreiben, aber das doch nur in sehr engbegrenztem Rahmen und nur mit Ausnahmebewilligung des Bundesamtes für Gesundheit».

Neue Regeln für therapeutische Anwendung
Auch das Bundesamt möchte deshalb die Praxis ändern, so wie es der Bundesrat vorschlägt. Ein entsprechender Entwurf soll Mitte des Jahres vorliegen.

Ein Vorhaben, das für ihn dringend notwendig scheint: Rudolf Brenneisen, der emeritierte Professor für Pharmazie und Gründer der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin SACM, sagte am Rande des heutigen Kongresses in Bern: «Viele Patienten, die unter chronischen Krankheiten leiden sind darauf angewiesen, auf der Strasse das Medikament zu holen.» Dies, weil Ärzte teilweise den Papierkrieg scheuen oder es nicht besser wüssten.

Cannabis-Arzneien sollen künftig mit ärztlichem Betäubungsmittelrezept, aber ohne Ausnahmebewilligung des Bundesamtes für Gesundheit in Apotheken erhältlich sein, so der Vorschlag des Bundesrates.

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Marihuana: Cannabis regt die grauen Zellen im Gehirn an (DW.com)

Oberbürgermeister plant Cannabis-Anbau in München (noizz.de)

Jetzt wissen wir, ob CBD-Gras wirklich legal ist oder nicht (Vice)

SPD zögert in Cannabisdebatte (Deutsche Apotheker Zeitung)

Hirnveränderungen durch ein bis zwei Joints? (Springer medizin)

Cannabis gegen Krebs - was die Cannabis-Legalisierung medizinisch bringt (RP Online)


ACM-Mitteilungen vom 12. Januar 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Der Referentenentwurf des Bundesministeriums der Gesundheit, der unter anderem eine Reduzierung der Apothekenaufschläge auf die Kosten von Medizinalcannabisblüten vorsieht, ruft den Apothekerverband ABDA mit einer Gegenforderung auf den Plan. Man wolle nun auch für Substitutionsarzneimittel wie Methadon höhere Preise berechnen dürfen.

Die FDP-Bundestagsfraktion regt an, den Aufwand für die Apotheker und so die Kosten zu reduzieren. Sie weist darauf hin, dass der Umgang mit Medizinalcannabisblüten nicht einheitlich erfolge. Es stelle sich die Frage, ob Medizinalcannabisblüten nicht wie Fertigarzneimittel behandelt werden könnten. Damit greift sie eine Forderung der ACM aus dem Jahr 2017 auf. Diese Idee wurde damals auch von einigen Fachpolitikern in Gesprächen mit der ACM unterstützt, fand jedoch im Bundesgesundheitsministerium noch unzureichend Gehör.

Wir sind gespannt, ob und was an dem gegenwärtigen Referentenentwurf des BMG in Sachen Cannabis als Medizin geändert und schließlich von der Bundesregierung als Gesetzentwurf vorgelegt werden wird. Vor dem Inkrafttreten der Änderungen werden noch einige Monate ins Land ziehen, denn nach Vorlage des Gesetzentwurfs wird dieser üblicherweise noch im Rahmen einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags diskutiert. Bei dem Cannabis als Medizin-Gesetz, das am 10. März 2017 in Kraft trat, dauerte dieser Prozess etwa ein Jahr.

Viel Spaß beim Lesen!

Franjo Grotenhermen

Presseschau: FDP will Aufwand für Apotheker bei der Cannabisprüfung reduzieren (Deutsche Apotheker Zeitung)

Mit einer Kleinen Anfrage vom 2. Januar 2019 setzt sich die FDP-Bundestagsfraktion für eine Reduzierung des Aufwandes der Apotheker im Umgang mit Medizinalcannabisblüten ein. Das könnte die Preise für die Patienten und Krankenkassen deutlich reduzieren.

FDP will Aufwand für Apotheker bei der Cannabisprüfung reduzieren

Die FDP-Fraktion im Bundestag will den Aufwand zur Prüfung von Medizinalcannabis in den Apotheken reduzieren und kritisiert zudem die uneinheitlichen Regelungen in den Bundesländern. In einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung fragt die Fraktion unter anderem nach Bestrebungen, die vorgeschriebenen Prüfungen weniger aufwendig zu gestalten.
Cannabisblüten verursachen in der Apotheke großen Aufwand. Das Arzneibuch sieht nämlich eine makroskopische und mikroskopische Prüfung sowie eine Dünnschichtchromatographie vor. Gerade letztere ist während des laufenden Apothekenbetriebes sehr zeitaufwendig. Dazu kommt, dass Cannabisblüten nur in Gebinden à 10 Gramm geliefert werden und Apotheken jedes einzeln prüfen müssten, was den Aufwand zusätzlich erhöht. Die Bundesländer handhaben die Vorschriften allerdings unterschiedlich. So gelten in Schleswig-Holstein nach Auskunft der zuständigen Landespharmazierätin Cannabisblüten aus den Niederlanden als Fertigarzneimittel, wodurch die Identitätsprüfung entfallen kann. In Hessen kann zumindest auf die DC verzichtet werden.

Diese uneinheitlichen Regelungen und die aufwendigen Prüfverfahren verteuern nach Ansicht der FDP-Bundestagsfraktion Medizinalcannabis erheblich und belasten zudem die Apotheken mit einem hohen Arbeitsaufwand, wie die Fraktion nun in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung schreibt. Die Liberalen halten daher eine einheitliche und unbürokratische Regelung, die in allen Bundesländern gleichermaßen gilt, sowie größere Gebinde von Cannabis-Blüten bzw. deren Ausweisung als Fertigarzneimittel für wünschenswert.

Könnte Cannabis aus deutschem Anbau als Fertigarzneimittel eingestuft werden? 
Von der Bundesregierung will die FDP zu diesem Thema unter anderem wissen, nach welchen Kriterien Cannabisblüten in den Bundesländern, in denen das der Fall ist, als Fertigarzneimittel anerkannt werden und wie die Bundesregierung diese Anerkennung beziehungsweise Einstufung als Fertigarzneimittel bewertet. Weiter fragt die Fraktion, was die Bundesregierung unternimmt, dass mehr Cannabisblüten-Gebinde als Fertigarzneimittel eingestuft werden können, und ob und unter welchen Voraussetzungen Cannabisblüten aus deutschem Anbau eine Einstufung als Fertigarzneimittel bekommen können. Falls das nicht der Fall sein sollte, interessiert sich die FDP für die Begründung.

Schinnenburg: Aufwand für Apotheker verringern
Der FDP-Gesundheitsexperte Dr. Wieland Schinnenburg aus Hamburg hat die Anfrage an die Bundesregierung initiiert. Er ist federführend für diese parlamentarische Initiative, weil er der drogenpolitische Sprecher seiner Fraktion ist. Gegenüber DAZ.online erklärte Schinnenburg, dass er den Aufwand für die Apotheken verringern will: „Wir Freie Demokraten wollen den Bezug von Medizinalcannabis vereinfachen und verbilligen. Verbilligen darf aber nicht auf Kosten der Apotheker gehen. Ich habe mir in einer Apotheke angesehen, welchen Aufwand Apotheker bei der Ausgabe von Medizinalcannabis betreiben müssen (DAZ.online berichtete). Dieser Aufwand kann nicht für weniger Geld erfolgen. Richtig ist vielmehr, den Aufwand zu verringern. Die verschiedenen Möglichkeiten hierfür frage ich mit meiner Kleinen Anfrage ab.“

Presseschau: Reaktion auf Cannabis-Sparpläne: ABDA will neue Methadonpreise (Deutsche Apotheker Zeitung)

Erwartungsgemäß zeigen sich die Vertreter der Apothekerschaft wenig erfreut über die Pläne der Bundesregierung, die Aufschläge bei der Abgabe von Medizinalcannabisblüten in den Apotheken zu reduzieren, um so die Preise für Patienten und Krankenkassen zu senken.

Reaktion auf Cannabis-Sparpläne: ABDA will neue Methadonpreise

A propos Betäubungsmittel: Auf die Vorschläge zum Cannabiszuschlag im Gesetz für Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) reagiert die ABDA mit einer Gegenforderung. Und zwar wollen die Apotheker auch die Preise für Substitutionsarzneimittel anpacken und gegebenenfalls vor die Schiedsstelle ziehen. In beiden Fällen streiten Apotheker und Kassen ergebnislos seit Jahren. Die im GSAV vorgesehen Einsparungen von 25 Millionen EURo beim Cannabis würden für die Apotheken herbe Verluste bedeuten.

Im Referentenentwurf für das GSAV (Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung) geht es auch um medizinisches Cannabis. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Kosten beim Medizinalhanf halbieren, was eine Einsparung von 25 Millionen bedeuten würde.

BMG und Kassen machen Druck
Zu diesem Zweck fordert Spahn vom GKV-Spitzenverband (GKV-SV) und vom Deutschen Apothekerverband (DAV), den Apothekenzuschlag neu auszuhandeln. Sollte keine Einigung zustande kommen, soll gemäß § 129 SGBV die Schiedsstelle über die Höhe der Zuschläge in der Hilfstaxe entscheiden.

Wenn es ums Geld geht, sind Verbände häufig geteilter Meinung. So fallen Spahns Sparpläne beim Cannabis bei den Krankenkassen erwartungsgemäß auf fruchtbaren Boden. GKV-Spitzenverband (GKV-SV) und AOK-Bundesverband (AOK-BV) begrüßen in ihren GSAV-Stellungnahmen, dass die Zuschläge sinken sollen. „Die Ablösung der völlig überhöhten Apothekenaufschläge nach AMPreisV in Höhe von 90 bzw. 100 Prozent auf den Apothekeneinkaufspreis auch bei Cannabis ist grundsätzlich zu begrüßen“, schreibt der AOK-BV.

Apothekern drohen herbe Verluste
Die ABDA begrüßt lediglich die Ausweitung der Schiedsfähigkeit der Hilfstaxe. Und dass die Schiedsstelle zum Einsatz kommt, ist nicht unwahrscheinlich. Schließlich verhandeln GKV-SV und DAV seit länger als einem Jahr – ohne Ergebnis. Derzeit werden gemäß der Arzneimittelpreisverordnung das Abfassen von Cannabisblüten mit einem Zuschlag von 100 Prozent und die Weiterverarbeitung mit einem Zuschlag von 90 Prozent berechnet. Im Falle einer Kostenhalbierung, wie sie dem BMG vorschwebt, verbleibt den Apothekern wenig. Der Arbeitsaufwand bei der Identitätsprüfung und Verarbeitung von Cannabisblüten ist jedoch unverändert hoch.

ABDA regaiert mit Gegenforderung
Darauf weist auch die ABDA in ihrer Stellungnahme hin und schwenkt quasi im selben Atemzug auf ein anderes Betäubungsmittelthema, nämlich der Preisgestaltung zu Substitutionsarzneimitteln. Auch hierüber streiten DAV und GKV-SV seit Jahren. Deshalb schlagen die Apotheker bei diesem Betäubungsmittelthema ebenfalls die Schiedsstellenlösung vor: „Im Zusammenhang mit der Neuregelung von § 129 Absatz 5d SGB V halten wir es darüber hinaus für geboten, eine Pflicht zur Neuverhandlung der Preise für Substitutionsarzneimittel im Sinne der Anlagen 4 bis 8 des Vertrages über die Preisbildung für Stoffe und Zubereitungen aus Stoffen (§§ 4 und 5 der Arzneimittelpreisverordnung) festzulegen und im Falle des Scheiterns der Verhandlungen die Schiedsstelle gemäß § 129 Absatz 8 SGB V entscheiden zu lassen.“

Presseschau: Professoren bezweifeln Wert der TK-Studie: Mediziner sehen Cannabis-Arznei positiv (Saarbrücker Zeitung)

Der Landesdrogenbeauftragte des Saarlandes, Stephan Kolling kritisiert die hohe Verschreibungsrate von Cannabis-basierten Medikamenten im Saarland. Mediziner aus dem Bundesland sowie ein Vertreter der SPD weisen die Kritik als unbegründet zurück.

Professoren bezweifeln Wert der TK-Studie: Mediziner sehen Cannabis-Arznei positiv

Experten gehen auf Distanz zum Drogenbeauftragten, der die hohe Verordnungsquote kritisiert hatte.

Der Streit um die Verordnung von Cannabis-basierten Medikamenten im Saarland geht weiter. Die beiden Medizin-Professoren Sven Gottschling (Palliativmedizin/Uniklinik Homburg) und Winfried Häuser (Psychosomatik/Klinikum Saarbrücken) gingen auf Distanz zum Landesdrogenbeauftragten und Gesundheitsstaatssekretär Stephan Kolling (CDU), der die im Vergleich zu anderen Bundesländern hohe Verordnungszahl von Cannabis-Arzneien durch Saar-Ärzte als zu großzügig bezeichnet hatte. Gottschling und Häuser sagten, dass es in der öffentlichen Diskussion nicht sinnvoll sei, pauschal von „Cannabis“ zu sprechen.

Cannabispräparate oder Cannabis-basierte Arzneimittel seien die korrekten Begriffe. Wichtig sei zudem die Unterscheidung zwischen missbräuchlichem Freizeitkonsum und medizinisch sinnvoller und begründeter Anwendung. Dies hatte bereits Ärztekammer-Chef Dr. Josef Mischo angemerkt. Ärzte können seit März 2017 Cannabisblüten oder Arzneimittel, welche Inhaltsstoffe der Hanfpflanze enthalten, verschreiben. Eine aktuelle Umfrage bei den saarländischen Schmerztherapeuten zeige, so Gottschling, dass diese fast ausschließlich ein Arzneimittel mit Inhaltsstoffen der Hanfpflanze (Dronabinol) und keine Cannabisblüten verschreiben. „Eine „berauschende“ Wirkung tritt bei Einnahme dieses Arzneimittels extrem selten auf“, betonte Gottschling. Cannabispräparate dürften nur bei schwerwiegenden Erkrankungen, bei denen etablierte Behandlungen versagt hätten oder dem Patienten nicht zugemutet werden könnten, verschrieben werden. Die Behauptung, dass saarländische Ärzte eine Spitzenposition bei der Verordnung von „Cannabis“ einnähmen, beruhe auf den Daten der Techniker Krankenkasse (TK). Die TK-Daten seien nicht repräsentativ für alle Versicherten und Ärzte in Deutschland. „Auch sollte eine Unterversorgung in den anderen genannten Bundesländern und damit eine mögliche Vorreiterrolle des Saarlandes erwogen werden“, erklärten Gottschling und Häuser.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Sebastian Thul kritisierte den Umgang Kollings mit der Ärzteschaft bei der Verordnung von medizinischem Cannabis. „Statt die Ärzteschaft für ihre Arbeit zu kritisieren, sollte mehr im Bereich der Präventionsarbeit in der Drogenpolitik getan werden“, meinte Thul.

Presseschau: Kritik an Experten für Cannabis-Bericht des Gesundheitsministeriums (Der Standard, Österreich)

Auch in Österreich hält Diskussion um eine mögliche Verschreibung von Cannabisblüten an. Wie in Deutschland gibt es innerhalb der Ärzteschaft unterschiedliche Positionen. Ausgerechnet zwei Wissenschaftler, deren Nähe zum Dronabinol-Produzenten Bionorica bekannt ist, wurden vom Gesundheitsministerium beauftragt, zu überprüfen, ob es über die Möglichkeit der Verschreibung von Dronabinol hinaus weitere Bedarfe für eine Verschreibungsmöglichkeit von Medizinalcannabisblüten und daraus hergestellten Extrakten gebe.

Kritik an Experten für Cannabis-Bericht des Gesundheitsministeriums

Zwei Forscher hätten ein Naheverhältnis zu dem Pharmakonzern Bionorica, kritisiert die Liste Jetzt und bringt eine parlamentarische Anfrage ein Wien – Das Gesundheitsministerium legte Ende 2018 seinen Bericht über die Prüfung der Liberalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken vor – von einer solchen wurde abgeraten, wie DER STANDARD berichtete. Die Liste Jetzt reicht diesbezüglich am Freitag eine parlamentarische Anfrage ein. Der Bericht sei nämlich durch eine "schiefe Optik" gekennzeichnet, weil sich die dafür befragten Experten und Institutionen in einem Naheverhältnis zum Pharmaunternehmen Bionorica befänden. Bionorica kauft in Österreich von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) produziertes Cannabis und verwertet dieses zum Medikament Dronabinol, was wiederum hierzulande verkauft wird. Online-Kurse von Bionorica Hans Georg Kress von der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerzmedizin der Medizinischen Universität Wien und der Vorsitzende der Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, Rudolf Likar, seien "beruflich mit Bionorica verbunden", zumindest würden beide für das Unternehmen einen Fortbildungslehrgang zu Cannabismedizin anbieten. Vom Pharmaunternehmen findet sich dazu eine Aussendung, in der der Online-Kurs mit Likar und Kress beworben wird.

Fragen an Ministerin Hartinger-Klein Daniela Holzinger-Vogtenhuber, die die Anfrage einbringt, will deswegen wissen, wieso das Ministerium gerade diese Personen mit Stellungnahmen beauftragt hat und ob die Verbindungen zu Bionorica zum Zeitpunkt der Beauftragung bekannt waren. In der Anfrage wird außerdem kritisiert, dass keine Stellungnahme von Experten eingeholt wurde, die die Liberalisierung von Cannabis befürworten. Der Gesundheitsausschuss des Nationalrats hatte im Juni 2018 das Ministerium ersucht, bis Ende des Jahres einen Bericht zum medizinischen Einsatz von Cannabis zu erstellen – unter Einbeziehung von Experten. Der Antrag von Peter Kolba, Bürgerrechtssprecher der Liste Jetzt, wurde damals einstimmig verabschiedet. Das Ministerium bat unter anderem den Obersten Sanitätsrat, die Apothekerkammer, die Ärztekammer und die Ages um Stellungnahmen. (Lara Hagen, 11.1.2019) - derstandard.at/2000095887762/Kritik-an-Experten-fuer-Cannabis-Bericht-des-Gesundheitsministeriums

Einige Pressemeldungen und Informationen der vergangenen Tage

Die irre Cannabis-Testphase (Lëtzebuerg Privat online)

Joschka Fischer wird Lobbyist für Cannabis-Hersteller (B.Z. Berlin)

Wenn ein Rezept die Droge Cannabis zur Medizin macht (Handelsblatt)

Ein XXL-Gewächshaus für Cannabis (Welt.de)

Was Gründer von Cannabis-Startups in Deutschland wissen müssen (Gründerszene)