ACM-Mitteilungen

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Deutsche Ärzteblatt berichtete über 3 Studien zur Entwicklung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen in Kanada, Australien und Dänemark. Zwar heißt es in der Überschrift, dass die Zunahme von Psychosen auf einer Zunahme des Cannabiskonsums beruhen könnte. Davon ist jedoch nur in der kanadischen Studien die Rede, und auch dort handelt es sich nur um eine Annahme der Autoren. In der australischen Studie heißt es dagegen, dass es keinen Zusammenhang mit Drogen gibt. Seriosität in der wissenschaftlichen Berichterstattung sieht anders aus.

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Heiter weiter.

Franjo Grotenhermen

Presseschau: Cannabis auf Rezept – Bundesgerichtshof prüft Werbung (DIE ZEIT)

Viele Medien berichteten über eine Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof über die Frage, ob bestimmte Internet Quartale unzulässig mit einer Cannabistherapie werden.

Cannabis auf Rezept – Bundesgerichtshof prüft Werbung (DIE ZEIT)

Der Bundesgerichtshof (BGH) prüft derzeit einen Rechtsstreit rund um die Frage, ob ein Internetportal für ärztliche Behandlungen mit medizinischem Cannabis werben darf. Die Wettbewerbszentrale war gegen das Unternehmen Bloomwell vor Gericht gezogen, weil es darin einen Verstoß gegen Heilmittelwerberecht sieht. Wann ein Urteil fallen könnte, blieb nach der heutigen Verhandlung in Karlsruhe zunächst offen. (Az. I ZR 74/25)

Nach dem im Heilmittelrecht verankerten Werbeverbot darf für rezeptpflichtige Medikamente nur bei Ärzten, Apothekern oder Arzneimittelhändlern geworben werden – nicht aber bei den Patienten. Ziel des Werbeverbots sei es, zu verhindern, dass der Patient beim Arzt um die Verschreibung eines bestimmten Arzneimittels bittet, sagte der Vorsitzende Richter, Thomas Koch, in Karlsruhe.

Informatives Angebot oder Produktwerbung?

Das beklagte Unternehmen Bloomwell bietet im Internet eine Vermittlung von Patienten an niedergelassene Ärzte für Behandlungen mit medizinischem Cannabis an und erhält dafür von den Ärzten eine Vergütung. Die Firma mit Sitz in Frankfurt versteht ihr Angebot selbst als Information über eine bestimmte Behandlungsform, und nicht als Werbung für ein bestimmtes Produkt. Das Heilmittelwerbegesetz sei hier deshalb gar nicht anwendbar, sagen sie.

Das Oberlandesgericht Frankfurt sah das aber zuletzt anders und gab der Unterlassungsklage der Wettbewerbszentrale teils statt. Bloomwell habe auf den betroffenen Internetseiten für verschreibungspflichtige Arzneimittel geworben, entschieden die Richter. Die Inhalte seien nicht rein informativ, sondern zielten darauf ab, dass Patienten bei den Ärzten auf die Verschreibung von medizinischem Cannabis drängten und so dessen Verkauf förderten.

Medizin-Cannabis seit 2017 legal

Ganz allgemein gehe von Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente eine gewisse Gesundheitsgefahr aus, sagte Alexander Strobel, Anwalt der Wettbewerbszentrale, nach der Verhandlung. Denn beim Patienten werde so ein Impuls geweckt, sich dieses Medikament verschreiben zu lassen oder auf noch übrige Bestände im eigenen Schrank zurückzugreifen. «Damit sind Gesundheitsgefahren verbunden und die gilt es zu unterbinden», so Strobel.

Seit 2017 kann medizinisches Cannabis in Deutschland legal verschrieben werden. Laut Bundesärztekammer kann es bei dauerhaften Schmerzen helfen, bei Muskelkrämpfen bei Multipler Sklerose, Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie oder ungewolltem Gewichtsverlust, etwa bei Aids. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die psychoaktive Pflanze als Medikament künftig strenger regulieren, um Missbrauch einzudämmen.

Presseschau: Anstieg von Psychosen bei jungen Menschen könnte mit Cannabiskonsum in Verbindung stehen (Deutsches Ärzteblatt)

Kommentar von Dr. Franjo Grotenhermen: Das Deutsche Ärzteblatt berichtet über drei Studien zur Entwicklung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen. Wer die Überschrift und die ersten Zeilen liest, erhält den Eindruck, dass Cannabis vermutlich eine maßgebliche Rolle dabei spielt. Später heißt es zur Studie aus Dänemark: „Auffällig war, dass die Zahl der Diagnosen für Substanzabhängigkeiten zurückging, obwohl auch in Dänemark der Zugang zu ‚weichen‘ Drogen wie THC zugenommen hat.“ Und zur Studie aus Australien: „Das Team vermutete übrigens keinen Zusammenhang mit Drogen, da der Drogenkonsum seit 1991 eher abgenommen habe.“

Nach der Lektüre des gesamten Artikels erweist sich die Überschrift als irreführend.

Anstieg von Psychosen bei jungen Menschen könnte mit Cannabiskonsum in Verbindung stehen (Deutsches Ärzteblatt)

Die Zahl der psychotischen Erkrankungen hat bei jüngeren Menschen zugenommen, wie in Australien, Dänemark und jetzt auch in Kanada beobachtet wird. Besonders deutlich fiel der Trend in einer Studie aus der kanadischen Provinz Ontario aus (CMAJ 2026; DOI: 10.1503/cmaj.250926). Eine mögliche Ursache könnte der Arbeitsgruppe zufolge der zunehmende Substanzmissbrauch, etwa von Cannabis, sein. (…)

Daniel Myran vom North York General Hospital in Toronto und Mitarbeitende ermittelten in der aktuellen Studie nun die Zahl an Diagnosen von Schizophrenien (schizophrenia and schizoaffective disorder, SSD) und Psychosen, nicht näher bezeichnet (not otherwise specified, NOS), im Zeitraum von 1992 bis 2023.

Für ihre epidemiologische Untersuchung standen ihnen die Versichertendaten der Provinz Ontario der Geburtsjahrgänge von 1960 bis 2009 zur Verfügung. Von 12.231.314 Millionen erfassten Personen waren 152.587 wegen einer Psychose in Behandlung. Das entspricht einem Anteil von 0,9 % und damit der derzeitigen Einschätzung, dass etwa 1 % der Bevölkerung an einer Schizophrenie erkrankt.

Die Daten zeigten weiterhin, dass die Zahl der Diagnosen von Psychosen NOS stark angestiegen ist. So ermittelte das Team für die Geburtsjahrgänge 2000 bis 2004 eine relative Inzidenzrate (IRR) von 2,89 (95-%-Konfidenzintervall [2,73; 3,06]). Das bedeutete fast eine Verdreifachung gegenüber den Geburtsjahrgängen 1975 bis 1979. Bei der SSD kam es zu einem geringen Anstieg mit einer IRR von 1,32 [1,25; 1,40]. Diese Zunahme könnte nach Einschätzung der Forschenden auch auf eine verbesserte Krankenversorgung zurückzuführen sein. (…)

Eine Studie aus Dänemark zeigt, dass auch in Europa die Zahl der psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen ist. Nach den Analysen eines Teams um Oleguer Plana-Ripoll von der Universitätsklinik Aarhus gibt es allerdings einen allgemeinen Trend zur Zunahme aller mentalen Störungen (JAMA Psychiatry 2025; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.3723).

Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass nicht (allein) die Inzidenz, sondern möglicherweise auch eine verbesserte Versorgung oder ein anderes Diagnoseverhalten der Ärztinnen und Ärzte für den Anstieg verantwortlich ist.

Ähnliche Ergebnisse in Dänemark und Australien

Auffällig war, dass die Zahl der Diagnosen für Substanzabhängigkeiten zurückging, obwohl auch in Dänemark der Zugang zu „weichen“ Drogen wie THC zugenommen hat. Möglicherweise deuten die Psychiater die Probleme der jüngeren Betroffenen heute anders. Darüber hinaus fielen Diagnosen für mentale Störungen und Psychosen bei Frauen höher aus als bei Männern.

Richard Morris von der Universität Sydney und Mitarbeiter hatten 2023 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (DOI: 10.1073/pnas.2303781120) auf einen möglichen Anstieg von mentalen Störungen bei den Millennials in Australien hingewiesen, der übrigens schon vor der Coronapandemie nachweisbar war.

Die Forschenden konnten auf den „Household Income and Labour Dynamics in Australia Survey“ zurückgreifen. Die Querschnittstudie befragt seit 2001 eine repräsentative Bevölkerungsgruppe unter anderem zu psychischen Erkrankungen: Diese haben seit den Geburtsjahrgängen der 1990er deutlich zugenommen.

Das Team vermutete übrigens keinen Zusammenhang mit Drogen, da der Drogenkonsum seit 1991 eher abgenommen habe. Zugenommen haben aber Bewegungsmangel, Gewichtsprobleme, schlechter Schlaf und die starke Nutzung sozialer Medien, in denen Forschende eine mögliche Erklärung vermuten. Australien hat kürzlich als erstes westliches Land Jugendlichen unter 16 Jahren die Nutzung von Instagram, TikTok und Co. untersagt.“

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