Erhöht Cannabiskonsum das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie?

Erhöht Cannabiskonsum das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie?

Cannabiskonsum könnte ein Risikofaktor für die Entwicklung der Schizophrenie, eine Form der Psychose, sein. Man geht zurzeit davon aus, dass Cannabis das Risiko verdoppelt (oder das Risiko um den Faktor 2 vergrößert), wenn er stark im Jugendalter konsumiert wird. Es gibt andere Faktoren, die das Schizophrenie-Risiko vergrößern. Beispielsweise erhöht das Aufwachsen in einer großen Stadt verglichen mit dem Aufwachsen in einer ländlichen Region das Risiko ebenfalls um den Faktor 2. Diese geringe Zunahme des Risikos bedeutet, dass 1 bis 2 von 100 starken Cannabiskonsumenten und 1 bis 2 von 100 Großstädtern im Laufe ihres Lebens eine Schizophrenie entwickeln werden, verglichen mit 0,5 bis 1 von 100 Personen ohne jeglichen Risikofaktor.

Was ist eine Psychose?

Eine Psychose ist eine schwerwiegende Erkrankung unklarer Ursache. Sie bezieht sich auf eine Störung des Geistes und ist ein psychiatrischer Ausdruck für einen Geisteszustand, der mit einem zeitweiligen Verlust des Kontaktes mit der Realität einhergeht. Der Begriff "Psychose" wird häufig als ein Oberbegriff und nicht als eine spezifische Diagnose verwendet. Menschen, die an einer Psychose leiden, werden als psychotisch beschrieben. Psychosen bezeichnen schwere Formen psychiatrischer Störungen, bei denen Halluzinationen, Wahnvorstellungen und eine beeinträchtigte Einsicht auftreten können. Es gibt zwar Medikamente, die einige Symptome verbessern können, die Erkrankung ist jedoch nicht heilbar. Die Schizophrenie bzw. schizophrene Psychose ist eine spezielle Form der psychotischen Störung.

Was ist eine Schizophrenie?
Die Schizophrenie ist eine Geistesstörung, die durch eine Beeinträchtigung gedanklicher Fotolia_618409_Subscription_LProzesse und eine Reduzierung emotionaler Reaktionen charakterisiert ist. Sie manifestiert sich meistens mit auditorischen Halluzinationen (Hören von Stimmen), paranoiden Wahnvorstellungen oder desorganisierter Sprache und desorganisiertem Denken. Halluzinationen sind Wahrnehmungen in einem bewussten und wachen Zustand, ohne dass äußere Reize vorhanden sind, jedoch mit Qualitäten echter Wahrnehmungen. Wahnvorstellungen sind trotz Beweisen für das Gegenteil mit einer starken Überzeugung verbunden. Beispielsweise kann jemand glauben, dass er eine wichtige Persönlichkeit, wie Jesus oder Napoleon, ist. Häufig bestehen Defizite normaler emotionaler Reaktionen, wie ein geringer oder abgeschwächter Affekt, ein reduzierter sprachlicher Ausdruck, Unfähigkeit, Freude zu erleben, und fehlende Motivation. In Abhängigkeit von den klinischen Symptomen kann die Schizophrenie in verschiedene Subtypen unterteilt werden.

Wie häufig ist die Schizophrenie?
Jedes Jahr entwickeln etwa 15 bis 20 Personen pro 100.000 Einwohner westlicher Industrieländer eine Schizophrenie. Der Beginn der Symptome fällt typischerweise in das junge Erwachsenenalter zwischen 18 und 35 Jahren. Etwa 0,5 bis 1,0 Prozent aller Bürger Europas und Nordamerikas entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Schizophrenie. Vor allem Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens (z.B. Gedankenübertragung) und akustische Halluzinationen dienen der Diagnosestellung. Diese so genannten "Positivsymptome" sind häufig hoch dramatisch und gefährlich, aber sie verbessern sich normalerweise über die Jahre. Andererseits bleiben "Negativsymptome", wie Depressionen, Unfähigkeit zu sozialen Kontakten und Verarmung der Gefühle häufig bestehen und führen zu psychosozialen Problemen und Arbeitslosigkeit.

Was verursacht eine Schizophrenie?
Sowohl die Gene als auch die Umwelt spielen eine Rolle bei der Entwicklung der Schizophrenie. Bestimmte Gen-Varianten sind mit einem höheren Risiko für eine Schizophrenie assoziiert. Dies kann erklären, warum Schizophrenien in einigen Familien gehäuft auftreten. Allerdings verursachen diese genetischen Varianten nicht die Erkrankung, sondern spielen eine Rolle bei der Bereitschaft für die Entwicklung der Erkrankung. Jemand mit einem Verwandten ersten Grades (Eltern, Geschwister) mit Schizophrenie weist ein Risiko von 6,5 Prozent auf, im Laufe des Lebens ebenfalls zu erkranken. Das bedeutet, dass von 100 Verwandten ersten Grades von Patienten mit Schizophrenie 6 bis 7 Prozent die Erkrankung ebenfalls entwickeln. Umweltfaktoren, die als Risiken identifiziert wurden, sind Schwangerschaftskomplikationen wie Stress, Infektionen und Mangelernährung der Mutter, Geburtskomplikationen, das Aufwachsen in einer großen Stadt, ein niedriger, aber normaler Intelligenzquotient sowie Drogenkonsum, inklusive Cannabiskonsum. Andere Faktoren, die eine große Rolle spielen können, sind soziale Isolation, Störungen in der Familie und andere stark belastete Lebensumstände. Menschen mit einer Schizophrenie auf der nördlichen Erdhalbkugel wurden häufiger im Winter oder Frühling als im Sommer oder Herbst geboren.

Wie kann man der Schizophrenie vorbeugen?

Da Risikofaktoren nur mit einer vergleichsweise geringen Zunahme des Risikos verbunden sind, können sie nicht für die frühe Entdeckung oder Prävention der Schizophrenie genutzt werden (Klosterkötter 2008). Andererseits ist es wünschenswert, die Schizophrenie in einem frühen Stadium zu entdecken, da eine frühe Diagnose und eine frühe Behandlung mit einem günstigeren Verlauf der Erkrankung, weniger Depressionen und geringeren Selbstmordraten assoziiert sind. Daher konzentrieren sich die Anstrengungen zur Vorsorge auf die Entdeckung von Risiko-Symptomen (frühen Warnsignalen) im so genannten Prodromal-Stadium und auf eine korrekte Diagnose so früh wie möglich nach dem Ausbruch der Erkrankung.
In etwa drei Viertel aller Fälle geht dem Ausbruch der Schizophrenie ein Prodromal-Stadium von durchschnittlich fünf Jahren voraus. Während dieser Zeit kann der oder die Betroffene mehrmals pro Woche an Störungen des Denkens, ungewöhnlichen Sinneserfahrungen, paranoiden Gedanken, eine verminderte Fähigkeit, zwischen Gedanken und Wahrnehmung sowie zwischen Fantasie und echter Erfahrung zu unterscheiden, und ähnlichen Symptome leiden. Es besteht ein großes Risiko für Menschen mit Prodromal-Symptomen, psychotische Symptome und psychotische Episoden zu entwickeln, die schließlich zur Schizophrenie führen.

Was ist die Rolle von Cannabis bei der Entwicklung der Schizophrenie?

In einer Übersicht von 7 Longitudinal-Studien zum Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie haben Forscher herausgefunden, dass Personen, die jemals Cannabis konsumiert hatten, verglichen mit Personen, die niemals Cannabis verwendeten, ein um 41 Prozent erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Psychose oder psychotischen Symptomen haben. In Longitudinal-Studien wird eine große Zahl von Menschen mehrere Jahre lang begleitet, idealerweise von der Geburt bis ins Erwachsenenalter, um beispielsweise Krankheitsursachen oder Faktoren, die vor Krankheiten schützen, zu identifizieren. Starke Cannabiskonsumenten wiesen ein doppelt so hohes Risiko wie Nichtkonsumenten auf (Odds Ratio: 2,09) (Moore et al. 2007). Die Forscher stellten fest, dass die Unsicherheit hinsichtlich der Frage, ob Cannabis Psychosen verursacht, wahrscheinlich nicht durch weitere Longitudinal-Studien geklärt werden kann. Es ist wahrscheinlich, dass Cannabiskonsum die Entstehung von Schizophrenien bei Personen beschleunigt, die wegen einer persönlichen oder familiären Veranlagung für eine Schizophrenie besonders empfindlich sind (Degenhardt and Hall 2006).
Es ist schwer zu beweisen, dass Cannabis in der Tat ein ursächlicher Faktor bei der Entwicklung der Schizophrenie ist, da der Zusammenhang auch nicht-ursächlich sein könnte, zumindest zum Teil. Beispielsweise verwenden einige Patienten Cannabis zur Selbstmedikation, um einige ihrer Symptome, insbesondere Negativsymptome, zu behandeln. Allerdings gibt es zunehmende Hinweise aus langzeitigen epidemiologischen Studien, dass Cannabis eine ursächliche Rolle spielt.

Was ist die Rolle von Cannabinoiden bei der Behandlung der Schizophrenie?

Es gibt zwei veröffentlichte Fallstudien, die zeigen, dass Cannabis und THC in einigen Fällen von Schizophrenie, die nicht auf übliche Medikamente ansprechen, nützlich sein kann (Schwarcz et al. 2009 Schwarcz et al. 2010 ). Die Autoren dieser Berichte nehmen an, dass sich die Ursache der Schizophrenie bei diesen Patienten in Bezug auf ihre Gehirnsphysiologie von anderen Patienten mit Schizophrenie, die auf übliche antipsychotische Medikamente ansprechen, unterscheidet. Diese Patienten könnten an einer schwachen Endocannabinoid-Funktion im Gehirn leiden.
Es gibt klinische Hinweise, nach denen das natürliche Pflanzencannabinoid Cannabidiol (CBD) in einer Tagesdosis von 800 mg so wirksam wie konventionelle Medikamente bei der Behandlung der Schizophrenie sein könnte (Leweke et al. 2012). CBD reduziert oder hebt die psychologischen Wirkungen von THC auf. Die Behandlung mit CBD ist mit einer Zunahme der Anandamid-Blutkonzentrationen assoziiert, und dieser Effekt wird für die Verbesserung der Symptome verantwortlich gemacht.

von Dr. med. Franjo Grotenhermen