Presseschau: Cannabis – Droge oder Arznei? Kranke berichten von spektakulären Behandlungserfolgen (Stern)

Der Stern brachte eine Titelgeschichte zur medizinischen Verwendung von Cannabis. Wir dokumentieren den Anfang des Artikels.

Cannabis – Droge oder Arznei? Kranke berichten von spektakulären Behandlungserfolgen

Oliver Bödeker hatte keine Waffe und keinen Plan, als er in die Sparkasse stürmte und brüllte: "Hände hoch! Das ist ein Banküberfall!" Einen Moment später war er wieder draußen und ging mit seiner Mutter einkaufen. "Zum Glück kennen mich alle im Viertel", sagt er. "Auch in der Sparkasse wissen sie, dass ich krank bin." Seine Mutter sagt: "Aber die Kunden waren schon etwas schockiert." Manchmal ist das Leben mit Tourette-Syndrom zum Lachen komisch, meistens ist es qualvoll. Bödeker, 23, kommen oft provozierende Worte über die Lippen, die er nicht so meint. Zur türkischen Nachbarin: "Du Schlampe!" Vor einem Holocaust-Mahnmal: "Heil Hitler!" Es ist einer seiner vielen Tics, er kann nichts dagegen tun. "Ein Druck baut sich in mir auf, den ich irgendwann entladen muss", sagt er. An schlechten Tagen beißt er sich alle paar Minuten in die Hand, der Kopf zuckt, es fliegen auch schon mal Gegenstände durch die Wohnung.

Der Effekt? Durchschlagend!
Bödeker ist intelligent, als Kind übersprang er die achte Klasse. Doch in der Pubertät siegte die Krankheit. Nach vier Schulwechseln und einer abgebrochenen Berufsausbildung ist er heute arbeitslos. Vorübergehend halfen ihm bestimmte Neuroleptika, die nicht für die Indikation Tourette zugelassen sind, sondern für Psychosen und Schizophrenien. Sie bescherten ihm einige bessere, einige schlechtere Jahre, bevor sie ihre Wirkung ganz verloren. Eine Nebenwirkung ist zudem Gewichtszunahme. Bödeker, als Kind schlank, wog zuletzt 180 Kilogramm. Im Auto passte der Sicherheitsgurt nicht mehr um seinen Bauch.

Seit fünf Monaten raucht er Cannabis auf Kassenrezept, verschrieben vom Hausarzt. Andere Medikamente nimmt er nicht mehr. Der Effekt? Durchschlagend! "Nur morgens vor der ersten Zigarette ticke ich noch." Seine Mutter Melanie Bödeker, zweite Vorsitzende der Tourette-Gesellschaft Deutschland, sagt: "Tagsüber ist er weitgehend frei von Tics. Und 38 Kilogramm abgenommen hat er außerdem." Sie war es, die bei deutschen Tourette-Experten dafür kämpfte, dass ihr Sohn diese Chance erhielt. Zuvor hatten ihr andere Mitglieder von großen Erfolgen berichtet.

Es ist eine dieser Geschichten, die demjenigen begegnen, der sich mit medizinischem Cannabis beschäftigt. Sie handeln von Menschen mit unterschiedlichsten schweren Krankheiten, die jahrelang auf der Suche nach Linderung waren. Dann rauchten sie ein paar Joints, es machte klick, binnen weniger Tage wurde alles besser. Fast zu schön, um wahr zu sein. Doch einige dieser Geschichten sind wahr, und sie stammen auch von Menschen, die nie mit Drogen zu tun haben wollten. Sie wecken große Hoffnungen bei Millionen von chronisch Kranken. Weitgehend einig sind sich die Wissenschaftler bislang, dass Cannabis vor allem bei drei Anwendungsgebieten wirkt: bei chronischen Schmerzen, Muskelspastiken bei Multipler Sklerose sowie Übelkeit und Erbrechen während Chemotherapien.

Das Potenzial der Heilpflanze aber scheint wesentlich größer. "Es gibt Hinweise auf eine heilsame Wirkung von Cannabis bei mehr als 50 Diagnosen", sagt die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover. So hat Cannabis schon bei Epilepsie, Schuppenflechte, Reizdarmsyndrom, Depression, Borderline-Störung, vermehrter Schweißproduktion und rheumatoider Arthritis geholfen. Die meisten dieser Hinweise stammen von 1061 Patienten, die sich eine Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erstritten, um Cannabisblüten zu kiffen, zu verdampfen oder in Keksen zu essen. Ihre Ärzte mussten nachweisen, dass zuvor alle Standardtherapien versagt hatten. Es gibt auch zahlreiche kleinere Studien, die positive Effekte für einige dieser Krankheiten bestätigen.

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