Presseschau: „Man sollte es in der Drogerie kaufen können“ (Mannheimer Morgen)

CBD ist in Deutschland seit Oktober 2016 apothekenpflichtig. Auf EURopäischer Ebene wird diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen, CBD weiterhin auch als Nahrungsergänzungsmittel angeboten werden darf. In einem Interview sieht Suchtforscher Derik Hermann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Cannabidiol als Nahrungsergänzungsmittel.

„Man sollte es in der Drogerie kaufen können“

In der Diskussion um Substanzen wie Cannabidiol (CBD) geht es um Klischees und juristische Einschätzungen. Im „MM“-Interview klärt Derik Hermann, Leitender Oberarzt am ZI, über Wirkung und Einsatzgebiete des Stoffes auf.

Herr Professor Hermann, weit verbreitet ist der Glaube, dass Cannabidiol im Vergleich zu Marihuana mit sehr hohem THC-Gehalt für Körper und Sinne nicht gefährlich sei – stimmt das?

Derik Hermann: Das kann ich absolut so bestätigen. CBD wirkt nicht psychotrop, das heißt, es macht nicht high. Es ist zwar ein Bestandteil der Cannabis-Pflanze, hat aber mit der Droge Cannabis ebenso wenig zu tun wie die rund 50 weiteren Cannabinoide in der Pflanze.

Wenn die vergleichbar geringe Wirkung medizinisch dokumentiert ist: Sollte der Stoff frei verkäuflich sein?
Hermann: Für mich ist Cannabidiol ein Nahrungsergänzungsmittel, das man frei verfügbar in der Drogerie kaufen können sollte. Denn verboten ist ja nicht die Cannabis-Pflanze als Ganzes, sondern der berauschende Wirkstoff THC.

Cannabidiol kommt auch in der psychiatrischen Behandlung von Depressionen und Angstzuständen zum Einsatz. Über welche Erfahrungen können Sie berichten?

Hermann: Ich habe eine Patientin mit einer Angsterkrankung, die eine Reihe anderer Medikamente erfolglos versucht hat und bei der CBD dann den Durchbruch brachte. Zuvor wurde sie drei Monate arbeitsunfähig geschrieben, zwei Wochen nach der rezeptierten Einnahme von CBD konnte sie wieder arbeiten gehen – ohne, dass größere Nebenwirkungen aufgetreten wären.

Inwiefern wirkt CBD im Körper anders als berauschende Substanzen, die in den THC-haltigen Pflanzen enthalten sind?

Hermann: Ich habe in Zusammenarbeit mit der Gerichtsmedizin in Heidelberg eine Studie gemacht, in der wir uns mit dieser Frage befasst haben. Das Ergebnis war sehr interessant. Denn wir haben sowohl bei THC- als auch bei CBD-Konsumenten Proben genommen und festgestellt, dass bei reinen THC-Konsumenten eine deutliche Schrumpfung im Hippocampus nachzuweisen war, der im Hirn für die Erinnerung zuständig ist. Hatten die Probanden aber auch CBD konsumiert, blieb diese Schrumpfung aus. Ein klarer Nachweis für die positive Wirkung von CBD, den auch Studien internationaler Kollegen belegen.

Was kann man tun, um für die Unterscheidung zwischen illegaler Droge und sinnvollem Medikament zu werben?

Hermann: Die großen Probleme sind Pauschalisierung und Unwissenheit. Was fehlt, ist die differenzierte Betrachtung. Auch die deutschen Ordnungsmächte und die Gesetzgebung haben es versäumt, für Klarheit zu sorgen. Gegenhalten kann man hier nur mit Fakten. Wer versteht, dass CBD bei Depressionen und Psychosen tatsächlich hilft, begreift auch, dass an der Substanz wirklich nichts Schlimmes zu finden ist.

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