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ACM-Mitteilungen vom 05. Februar 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

"Es kam ihm darauf an, Geld zu verdienen", so schlicht formulierte es sein Anwalt. Ein Münchener Arzt ist vor dem Landgericht München I angeklagt, weil er die Vorgaben des Betäubungsmittelgesetzes nicht eingehalten hat. So heißt es in der Süddeutschen Zeitung.

Und weiter: „Wie Rolf M. über seinen Rechtsanwalt einräumte, ließ er seine Patienten für die Ausstellung eines Privatrezepts zunächst 120 Euro, später 150 Euro bezahlen – ausschließlich in bar. Für ein Folgerezept verlangte er noch einmal weitere 60 Euro.“

Ich hatte diesen Preis damals in den ACM-Mitteilungen kritisiert. Heute wissen wir, dass diese 60 € im Vergleich zu einem Unternehmen, das in Deutschland bereits eine Anzahl von Standorten mit Praxen von Privatärzten eröffnet hat, noch günstig waren. Ärzte von Algea Care berechnen im Allgemeinen für kurze Folgetermine etwa 120 €. Auch Algea Care hatte der Vorstand der ACM kritisiert und befindet sich nun mit dem Unternehmen in einem Rechtsstreit.

Die Medien haben in der vergangenen Woche ausführlich über eine Studie der Universität Ulm zur Entwicklung von Krankenhauseinweisungen aufgrund von Cannabiskonsumstörungen berichtet. Der Erstautor, Professor Maximilian Gahr, ist danach der Auffassung, dass die Studie Argumente für die Beibehaltung der Kriminalisierung von Cannabiskonsumenten liefert. Ich habe mir die Studie angeschaut und fand heraus: die Studie liefert Argumente für die Beendigung des Cannabisverbots in Deutschland.

Viel Spaß beim Lesen!

Franjo Grotenhermen

Inhalt:

Starker Anstieg von Krankenhauseinweisungen aufgrund von Cannabis: ein Argument gegen die Legalisierung?

Unter dieser Überschrift hat Dr. Franjo Grotenhermen einen Artikel für eine Zeitschrift verfasst. Wir geben hier einige Auszüge wieder.

„(…)

In der Tageszeitung Die Welt vom 30. Januar 2022 wird die dpa-Meldung wie folgt zitiert: „Die neue Bundesregierung möchte Cannabis künftig für den legalen Verkauf freigeben. Forscher der Universitätsklinik Ulm zeigen, dass die Zahl der Behandlungen von Cannabis-Konsumenten in deutschen Krankenhäusern von 2000 bis 2018 deutlich gestiegen ist.“

Bei näherer Betrachtung der Studie wird deutlich, dass sich die Autoren diesen drastischen Anstieg selbst nicht erklären können. Die wenigen Erklärungsversuche für eine starke Zunahme der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Gesundheitsstörungen im Zusammenhang mit einem Cannabiskonsum lassen eher vermuten, dass die relevanten möglichen Ursachen eher Argumente für ein Ende der Strafverfolgung von Cannabiskonsumenten in Deutschland liefern.

(…)

Tatsächlich sind die jährlichen Krankenhauseinweisungen in den Jahren 2000 bis 2018 nur moderat von etwa 16,9 Millionen auf 19,8 Millionen gestiegen, während im gleichen Zeitraum die Cannabis-assoziierten Krankenhauseinweisungen von 3392 auf 19.091 angestiegen sind. Während im Jahr 2000 der Anteil der cannabisbezogenen Einweisungen noch 0,02 Prozent aller Krankenhauseinweisungen ausmachte, waren es im Jahr 2018 etwa 0,1 Prozent. Danach hat sich dieser Anteil, der immer noch sehr klein ist, etwa verfünffacht. Das bedeutet, dass im Jahr 2018 etwa eine von 1000 Krankenhauseinweisungen aufgrund von gesundheitlichen Folgen des Cannabiskonsums erfolgte.

(…)

Im Artikel selbst heißt es dazu: „Unsere Daten erlauben es nicht, diese Veränderungen zu erklären. Allerdings könnten mehrere Faktoren zu dieser Entwicklung beigetragen haben.“

1. Zunahme des Cannabiskonsums

(…)

Zudem zeigen die Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Entwicklung des Cannabiskonsums in Deutschland (Grafik auf Seite 18), dass die Konsumzahlen bei Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, die als besonders gefährdet gelten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht gestiegen sind, und es in diesem Zeitraum auch bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren nur einen geringen Anstieg gab.

2. Synthetische Cannabinoide und erhöhte THC-Konzentrationen in Cannabis

(…)

Zunächst ist es verwunderlich, dass in einem Beitrag mit wissenschaftlichem Anspruch zwei Phänomene in einen Topf geworfen werden, die nichts miteinander zu tun haben: synthetische Cannabinoide und erhöhte THC-Konzentrationen. (…)

Im Übrigen gehen viele Experten davon aus, dass die Züchtung extrem THC-reicher Sorten zumindest zum Teil auf die Prohibition zurück zu führen ist. Auch das weitgehende Verschwinden von CBD, das psychische Probleme durch THC reduziert, ging mit dem Cannabisverbot einher.

Synthetische Cannabinoide stellen allerdings in der Tat ein großes Problem dar, und viele Nutzer haben mir in den vergangenen Jahren von unangenehmen Erfahrungen berichtet. Deren Verwendung ist neben gesundheitlichen Folgen durch Streckmittel und andere Verunreinigungen durch illegales Cannabis eine der bedeutendsten gesundheitlichen Folgen der Strahlverfolgung von Cannabiskonsumenten, die versuchen, auf andere legale, wenn auch gefährlichere Substanzen auszuweichen.

Bemerkenswerterweise findet die Verwendung von Streckmitteln in illegalem Cannabis im Artikel der Wissenschaftler aus Ulm keine Erwähnung. Zufall, Unkenntnis oder Nachlässigkeit? Schließlich ist bekannt, dass dieses Phänomen in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich zugenommen hat. Denn dann hätte die Studie unterstrichen, dass das Cannabisverbot mit erheblichen negativen gesundheitlichen Folgen verbunden ist.

(…)“.

Presseschau: Drogenbeauftragter: Cannabis-Legalisierung braucht noch Zeit (Berliner Zeitung)

In einem kürzlich erschienenen Artikel zur geplanten Legalisierung heißt es fast poetisch: „Die Branche steht vor der Ampel und wartet auf Grün.“ Tatsächlich gibt es nach der Ankündigung der geplanten Legalisierung vielfach eine Ungeduld. Der neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, erläuterte in einem Interview mit der Berliner Zeitung, dass die Umsetzung der Legalisierung einer sorgfältigen Vorbereitung bedarf. Experten sehen das ähnlich.

Drogenbeauftragter: Cannabis-Legalisierung braucht noch Zeit

Es mache keinen Sinn, die Legalisierung jetzt „übers Knie zu brechen“, so Blienert. Auch für eine Legalisierung des Anbaus spricht sich der SPD-Politiker aus.

Der neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD), hat Erwartungen an eine rasche Legalisierung von Cannabis sowie hohe Steuereinnahmen gedämpft. „Das Thema ist extrem komplex und voller Fallstricke“, sagte Blienert den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND, Donnerstagsausgaben). „Es macht keinen Sinn, jetzt die Legalisierung übers Knie zu brechen, wenn dann wenig später die Verkaufsstellen wieder schließen müssen, weil wir etwas vergessen haben.“

Es sei „kein Gesetz, das man so einfach aus dem Ärmel schütteln kann“, betonte Blienert. Auch im Ausland werde sehr genau beobachtet, wie Deutschland bei der Legalisierung vorgehe. „Wenn wir wollen, dass es auch international zu einer neuen Drogenpolitik kommt, die mehr auf Gesundheitsschutz und Regulierung und weniger auf Repression setzt, dürfen wir uns keine Fehler erlauben“, betonte Blienert.

Blienert: Legalisierung-Gesetz kommt noch in dieser Wahlperiode
Deshalb müsse mit vielen Beteiligten gesprochen und das Gesetz ordentlich ausgearbeitet werden. „Klar ist aber: Noch in dieser Wahlperiode soll es ein Gesetz geben, mit dem Cannabis für Erwachsene legal, aber kontrolliert und sicher in Deutschland zu kaufen sein wird. Das sagt der Koalitionsvertrag und daran werden wir uns halten.“

Zu der Höhe der möglichen Steuereinnahmen aus dem Cannabis-Verkauf sagte Blienert: „Ich warne vor übertriebenen Erwartungen“. Er fügte hinzu: „Es sollte nicht unser Ansatz sein, Cannabis primär zu legalisieren, um mehr Steuern einzunehmen.“ Das sei sekundär. „Unser Ziel ist, die Gesundheit der Konsumenten zu schützen, Kinder und Jugendliche vom Konsum fern zu halten, den Schwarzmarkt trocken zu legen.“

Dort koste ein Gramm Cannabis je nach Region derzeit zwischen zehn und zwölf Euro. „Das Austrocknen des Schwarzmarktes gelingt uns nicht, wenn der Preis für legales Cannabis wegen der Besteuerung zu hoch ist“, warnte Blienert. „Die richtige Balance zu finden, wird ein Ritt auf der Rasierklinge. Der Aufbau eines funktionierenden Marktes, der vorher illegal war, ist eine riesige Herausforderung und wird Zeit und Kraft in Anspruch nehmen.“

Blienert: Auch Cannabis-Anbau sollte legalisiert werden
Blienert plädierte dafür, auch den Cannabis-Anbau in Deutschland zu legalisieren. Ziel der Koalitionspartner sei es, dass die komplette Lieferkette transparent nachverfolgt werden könne – von der Pflanze bis zur Verkaufsstelle. „Deshalb spricht vieles dafür, auch den Cannabis-Anbau in Deutschland unter strengen Regeln zu erlauben“, sagte er.

Dagegen hätten die Niederlande Cannabis legalisiert, ohne sich darum zu kümmern, wo der Stoff herkomme. Das habe die Organisierte Kriminalität enorm gestärkt und zu einer erschütternden Eskalation der Gewalt geführt. „Wir müssen – und werden – höllisch aufpassen, dass uns das nicht passiert“, sagte der SPD-Politiker dem RND.

Einige weitere Pressemeldungen der vergangenen Tage

Dermapharm: Cannabis zum Schnäppchenpreis (Apotheke ADHOC)

Cannabis: Legalisierung und Entkriminalisierung | Dirk Heidenblut | vorwärts (Youtube)

Münchner Cannabis-Arzt gesteht Gesetzesverstöße (Bayerischer Rundfunk)

Legales Cannabis: Wer könnte vom Boom profitieren? Und was heißt das fürs Klima? (1E9)

Gerichtsprozess in München:Der Arzt als Drogendealer (Süddeutsche Zeitung)

Starker Anstieg an stationären Fällen wegen cannabisinduzierter psychischer Störungen (Deutsches Ärzteblatt)